Nicht immer läuft im Business alles rund. Manchmal geht ein Plan nicht auf und man scheitert. Ich bin der festen Überzeugung, dass diesen Geschichten viel zu wenig Bühnen gegeben wird. Und das obwohl die Learnings daraus mehr wert sind als 100 Bücher darüber, wie man erfolgreich wird. Daher will ich mit dieser Interviewserie Menschen zu Wort kommen lassen, die gescheitert und wieder aufgestanden sind. Führungskräften wie Martin Brosy, Managing Partner der Agenturgruppe impulsQ, der sich meinen 7 Fragen gestellt hat und seine Erfahrungen mit mir teilt..

 

Martin Brosy

Martin Brosy
Managing Partner bei impulsQ

Er gilt in der Online Marketing Welt wohl als umtriebig und tüchtig. Die Rede ist von Martin Brosy. Managing Partner der Agenturgruppe impulsQ, Dozent an der Hochschule Reutlingen und Speaker auf den hiesigen SEO Konferenzen. Mit dem weltweit ersten Streaming Dienst zur Fortbildung im Online Marketing afsplus hat er in diesem Jahr für viel Aufmerksamkeit auf Social Media gesorgt.

 

1. Welches Buch, Blog oder Podcast hat dich für die Themen Leadership und Unternehmertum positiv geprägt und würdest du weiterempfehlen?

Ich war als Offizier mehrere Jahre bei der Bundeswehr tätig. Die Zeit hat mich geprägt. Stelle dir mal folgendes vor. Du bist für fünf Tage auf einer Übung und als Gruppenführer für deine Soldat:innen verantwortlich. Wenig Schlaf – Kälte – Hunger – Keine Energie. Jetzt wird in der Nacht ein Angriff simuliert und deine Gruppe wird aus dem Schlaf gerissen. Sofortige Einsatzbereitschaft herstellen und den Feind abwehren. Anschließend verlegt ihr zu Fuß rund 15 Kilometer in den rückwertigen Raum. Weißt du was jetzt passiert? Führen durch Vorbild. Wenn du jetzt nicht mehr tust, als deine Soldat:innen, dann folgt dir auch niemand. Wenn du dir vorher nicht den Respekt verdient hast, dann folgt dir ebenfalls niemand. Ich meine jetzt nicht den Respekt, den dir der Rang einbringt, sondern den Respekt, den du dir durch Fürsorge und Menschlichkeit verdienst. Leadership musst du erleben. Leadership folgt aus Reflexion. Leadership bedeutet Entscheidungen zu treffen.

 

2. Du bist schon mal mit einem Business gescheitert. Magst du uns beschreiben, was dir wiederfahren ist und wie es dazu kommen konnte?

Auf mein Scheitern war ich nie besonders stolz. Mit jedem Scheitern haben bei mir Menschen ihre Jobs, Investoren ihr Kapital und das nähere Umfeld ein Teil der Zeit mit mir verloren. Bis heute erkenne ich hinterm Scheitern keinen romantischen Gedanken.

„Solange du aus deinem Misserfolg lernst, kannst du nicht Scheitern!“

Im Kern ist diese Aussage korrekt. Wenn du am Boden bist, bringen dir solche Statements überhaupt nichts. Warum? Rückschläge machen immer erst im Nachhinein Sinn. Im Moment des Scheiterns brauchst du Menschen, die an deiner Seite stehen und dir nicht irgendwelche Plattitüden an den Knopf knallen.
Richtig gescheitert bin ich in meinem Leben drei Mal. Zumindest hat es mir da den Boden unter den Füßen weggerissen.

Mit meinem ersten Webprojekt habe ich monatlich um die 5.000 Euro verdient. Bis ich es mit den Verkauf von Links übertrieben habe und sämtliche Rankings verloren habe. Ich musste das Projekt einstampfen.

Anschließend habe ich eine Agentur gegründet und konnte binnen ein Jahr die erste Million Jahresumsatz verzeichnen. Ein weiteres Jahr später ist der Umsatz auf über zwei Million Euro gestiegen. Klingt gut. Klingt wie im Traum. Tatsächlich habe ich mit meinem Geschäftspartner täglich gestritten. Wir hatten unterschiedliche Lebensvorstellung. Ich wollte die Firma weiter skalieren und mein Geschäftspartner wollte die Welt bereisen. Diese Differenz konnten wir nie auflösen. Sodass ich für einen lächerlichen Betrag von ungefähr 150.000 Euro meine 55 Prozent Firmenanteile an meinen Geschäftspartner abgegeben habe. Lächerlich deshalb, weil mein Kapitalkonto plus die Assets weit oberhalb des Verkaufspreises gelegen haben. Der tatsächliche Wert der Anteile lag zwischen einer und zwei Millionen Euro. Ich wollte allerdings schnellstmöglich raus, da ich das alles nicht mehr tragen konnte. Am Ende musst du immer in den Spiegel schauen können.

Bis zu diesem Zeitpunkt hatte ich noch nie Erfahrung mit Investoren. Also habe ich einen Exkurs in die Welt der StartUps gewagt und bin mangels Können und ausreichender Finanzierung gescheitert. Das war 2020.

Diese drei Erlebnisse möchte ich heute nicht in meinem Leben missen. In der Zeit habe ich sehr viel über mich gelernt und bin daran gewachsen. Auf das ein oder andere hätte ich zwar verzichten können, aber die steile Karriere verläuft halt nur in den seltensten Fällen linear gen Himmel.

 

3. Welche persönlichen Konsequenzen hat(te) das Scheitern für dich und durch welche Achterbahn der Gefühle bist du gegangen? Was hat dir geholfen, wieder aufzustehen und nach vorn zu schauen?

Mein erstes Webprojekt. 35.000 Euro Schulden. Eine Zahlungsaufforderung vom Finanzamt. Eine weinende Frau. Wie es mir dabei ging? Ich dachte eine Welt bricht zusammen. An diesem Tag habe ich alles grundlegend verändert und bin alle ungeliebten Dinge angegangen. Es hat sich ausgezahlt. In den nächsten drei Jahren konnte ich eine Agentur aufbauen und in Hochzeiten mehr als 25 Mitarbeitenden eine Existenzgrundlage geben.

In der vorangegangenen Frage habe ich schon gespoilert. Ich habe die Agentur einige Jahre später verlassen.

Für mich ist eine Welt zusammengebrochen. Über Jahre habe ich wöchentlich mehr als 70 Stunden gearbeitet, um dann am Ende die Firma zu verlassen. Wegen der eigenen Gesundheit habe ich alles aufgegeben. Es kam, wie es kommen musste. Sofort bin ich in eine Depression gefallen und habe sechs Monate täglich Suizid Gedanken gehabt. Ich war von meinem Geschäftspartner so enttäuscht und habe die Welt nicht mehr verstanden. Ich wurde gemobbt, gegaslightet und sprichwörtlich aus der Firma geekelt.

Geholfen haben mir Gespräche. Meine Frau stand in dieser schweren Zeit immer mit einem offenen Ohr an meiner Seite und hat einfach zugehört. Dadurch konnte ich neue Kraft schöpfen. Sie hat meine Trauer verstanden.

 

4. Bereust du den Schritt, den du damals gegangen bist, oder bist du eher dankbar für die damit einhergehenden Erfahrungen? Welche Learnings nimmst du mit und hast du heute weniger Angst zu scheitern?

Eine interessante Frage. Mit meinem Austritt aus der von mir gegründeten Agentur habe ich auf weit mehr als eine Million Euro und ein funktionierendes Geschäftsmodell verzichtet. In der Retroperspektive war der Verkauf meiner Anteile die Beste Entscheidung in meinem unternehmerischen Leben. Heute muss ich keine Energie mehr in Streitigkeiten verschwenden. Ich kann endlich meine eigenen Werte leben und habe damit aufgehört, dem schnellen Euro hinterherzurennen. Rückschläge definiere ich für mich heute wie folgt – Niemand weiß, ob ich bei einem Rückschritt scheitere oder nur Anlauf nehme.

Angst habe ich heute keine mehr. Respekt? Ja!

Wir investieren unfassbar viel in unsere Unternehmen und in unsere Expertise. Sodass ich mir unternehmerisch keine Gedanken mehr mache. Schlaflose Nächte habe ich weiterhin, aber nichts im Vergleich zu vorangegangenen Unternehmungen.

 

5. Scheitern wird in Deutschland oft stigmatisiert. Woran liegt das deiner Meinung nach? Warum tun Menschen alles dafür, nicht zu scheitern und wie kann man die Angst vorm Scheitern überwinden?

Jemand gründet ein Unternehmen und geht mit seinem Privatvermögen All-In. Er oder sie scheitern. Meinen vollen Respekt. Die Gründer:innen haben es probiert und haben am Erfolg geglaubt.

Jemand gründet mit dem Geld eines VCs sein erstes Unternehmen und mietet tolle Büroräume an, besucht After-Work-Veranstaltungen, least sich ein tolles Auto, zahlt sich ein nettes Gehalt aus… und scheitert, dann sind das nicht selten Menschen, mit denen ich persönlich nicht unbedingt quatschen möchte.

Für mich bist du nicht Unternehmer, bzw. Unternehmerin weil du eine Firma gründest. Erst wenn du für deine Mitarbeitenden und die Gesellschaft alles tust, dann bist du für mich genau die Art Unternehmer/in, die ich respektiere. Alles andere ist für mich deflationäre Selbstinszenierung.

 

6. Scheitern geht oft nicht ohne Fehler einher. Nicht immer klappt alles sofort und führt zu Kritik. Wie können Führungskräfte eine gesunde Fehlerkultur in ihren Teams oder Unternehmen entwickeln?

Eine Fehlerkultur erachte ich für selbstverständlich. In unseren Unternehmen wird darüber nicht gesprochen, sondern es wird gelebt. Es geht auch nicht anders, denn am Tag treffe ich selbst so viele Fehlentscheidungen, warum sollten die Mitarbeitenden dann nicht auch Fehler machen dürfen. Einfach darüber sprechen und daraus lernen. Letzteres ist essenziell.

 

7. Abschließend: Wie definierst du für dich persönlich „Erfolg“ und „Erfüllung“?

Was ich jetzt hier antworten werde, werden wahrscheinlich viele andere auch geschrieben haben. Wenn du glücklich bist, bist du erfolgreich. Die Frage, die du dir also stellen solltest, lautet, bist du glücklich?

Du brauchst kein Unternehmen, um glücklich zu sein. Du musst keinen Porsche fahren, um glücklich zu sein. Ich persönlich bin froh, dass ich mich jeden Tag selbst verwirklichen kann, für meine Familie gut sorge und mich für unsere Gesellschaft engagiere. Das ist mir wichtig. Erfolg mit Geld gleichzusetzen, greift meiner Erfahrung nach viel zu kurz.

 

Bonusfrage: Wo siehst du aktuell im Digital Marketing oder auch darüber hinaus Entwicklungen, die Unternehmen wohlmöglich zum Scheitern bringen werden? Welchen Rat würdest du den Verantwortlichen mitgeben?

Der Gründer:innen-Nachwuchs wird momentan stark mit Materialismus geködert. Eine teure Uhr in einer Werbeanzeige zieht offenbar mehr als unternehmerische Werte und Expertise. Wenn Geld dein einziger Antrieb ist, dann wird dein Vorhaben scheitern. Zumindest langfristig wird es nichts werden. Mein Tipp also, folge deiner Leidenschaft und nicht irgendwelchen Götzen.

 

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