Nicht immer läuft im Business alles rund. Manchmal geht ein Plan nicht auf und man scheitert. Ich bin der festen Überzeugung, dass diesen Geschichten viel zu wenig Bühnen gegeben wird. Und das obwohl die Learnings daraus mehr wert sind als 100 Bücher darüber, wie man erfolgreich wird. Daher will ich mit dieser Interviewserie Menschen zu Wort kommen lassen, die gescheitert und wieder aufgestanden sind. Führungskräften wie Evi Rodemann, Geschäftsführerin von LeadNow e.V. und Buchautorin von „Scheitern erwünscht!“, die sich meinen 7 Fragen gestellt hat und ihre Erfahrungen mit mir teilt..

 

Evi Rodemann

Evi Rodemann
Geschäftsführerin von LeadNow e.V.

Evi Rodemann ist Geschäftsführerin von LeadNow e.V., der bewusst in junge Leitende aus ganz Europa investiert, sie ermutigt und fördert. Daneben ist sie Buchautorin von Scheitern erwünscht! Warum uns Krisen als Leitende wachsen lassen.

Ihr Leben ist randvoll und dabei sich nicht zu verlieren, sondern immer wieder eigene Grenzen zu beachten, ist eins ihrer konstanten Lernfelder. Dazu gehört auch ihr PhD Studium in Theologie, was sie in erster Linie für sich macht, um Lernende zu bleiben.

 

1. Welches Buch, Blog oder Podcast hat dich für die Themen Leadership und Unternehmertum positiv geprägt und würdest du weiterempfehlen?

In der Zeit meiner Krise haben mich besonders zwei englische Bücher sehr geprägt: Leadership Pain von Samuel Chang und Leading with a limp von Dan Allender.

Beide Autoren beschreiben, wie Schmerzen und Krisen zur Führungsverantwortung dazu gehören und Schmerzen in Leitung sagen nichts darüber aus, ob du eine schlechte Leiter:in bist oder nicht. Tatsächlich haben die Bücher mich ermutigt, den Schmerz bewusst zu umarmen und zu akzeptieren, dass Krisen und Scheitern wie auch Leitung eine Münze mit zwei Seiten sind. Sie sind untrennbar miteinander verknüpft und ich kann nicht eins ohne das andere haben.

Auch der Leadership Podcast von Craig Groeschel ist einer derjenigen, die ich regelmäßig höre. In 2021 sagte er in einer Folge: If you are not hurting, you are probably not leading (frei übersetzt: Wenn du gerade keine Schmerzen erleidest, leitest du wahrscheinlich gerade nicht).

Ein bedenkenswerter Satz und seine Podcast-Folgen haben mich viele Male schon herausgefordert, gerade dann, wenn ich mich entscheiden muss, nicht auf meine Angst oder Menschenfurcht zu hören, sie aber wahrzunehmen.

 

2. Du bist schon mal mit einem Business gescheitert. Magst du uns beschreiben, was dir wiederfahren ist und wie es dazu kommen konnte?

Ich war Geschäftsführerin einer europäischen Jugendorganisation, die ich mit ins Leben gerufen hatte. Vier Kongresse mit bis zu insgesamt 12.000 Teilnehmenden hatte ich über 9 Jahre organisiert und mit Hunderten von Freiwilligen durchgeführt. Die Anfrage, hier selbst federführend mitzuwirken, war für mich die schönste Berufung. Ich hatte vor Jahren mal in mein Journal geschrieben, wenn jemals solche Kongresse in Europa nochmals entstehen würden, wäre ich bereit, alles zu geben und mitzumischen.

Ich hatte keine Ahnung, dass ich eines Tages mal diese Organisation leiten und entwickeln würde, aber es war in meiner beruflichen Laufbahn das Schönste, was ich jemals gestalten durfte. Umso härter traf es mich, als ich in einem Telefonat nach dem 4. Kongress rausgebeten wurde. Man sei nicht mehr an mir interessiert, wollte jemand anderen einsetzen und brauchte auch keine weiteren Infos zur Übergabe etc. Von einer Minute auf die andere war ich aus meinem Herzensprojekt rausgeflogen. Die Gründe habe ich bis heute nicht wirklich verstanden und das machte das Verarbeiten so viel schwerer. Wenn es Sex und Geld nicht waren, war es dann Macht? Könnte es Macht gewesen sein, die eine andere Frau zur Konkurrenz werden ließ?

Ich habe sicherlich einiges falsch gemacht und etliche Anzeichen übersehen, aber bis heute fällt mir nichts ein, was so schlimm gewesen wäre, nicht weitermachen zu dürfen. Meine erste Rettung war, dass mein Mentor bei diesem Telefonat mit dabei war und mir entscheidend weiterhalf, diese Krise zu bearbeiten. Er zahlte mir sogar eine Reise nach England, um eine Traumapsychologin aufzusuchen.

Nicht nur ich war nicht mehr gewollt, auch fast das gesamte Team um mich herum wurde mit abgestraft. Ich lud den Aufsichtsrat ein, sich doch mit uns auseinanderzusetzen, aber uns wurde nur ein Termin in neun Monaten in Aussicht gestellt. Das war zu spät.

Gerüchte gab es in dieser Zeit viele und ein fünfter Kongress, der ohne mich stattfinden sollte, musste 20 Tage vor Beginn abgesagt werden, da sich nicht genügend Teilnehmende gefunden hatten. Später wurde die gesamte Arbeit aufgelöst oder wie die Traumapsychologin sagte, „mein Baby wurde umgebracht“. So fühlte es sich für mich an.

 

3. Welche persönlichen Konsequenzen hat(te) das Scheitern für dich und durch welche Achterbahn der Gefühle bist du gegangen? Was hat dir geholfen, wieder aufzustehen und nach vorn zu schauen?

Ich musste mir tief ins Herz schauen und mich fragen, wer ich ohne meinen Titel und Position noch bin. Bin ich immer noch wertvoll und geliebt, selbst wenn ich keine maßgebliche Arbeit leiste, sondern erstmal nur bin? Diesem nachzugehen, war eins der wichtigsten Erfahrungen und damit verbundenen Entscheidungen, ein Ja zum Leben unabhängig vom Status auszusprechen.

Viele Monate war ich höchst deprimiert, wusste weder aus noch ein, hatte das Gefühl, eine komplette Versagerin zu sein, die am besten Europa verlässt. In ganz schlimmen Momenten plagten mich auch Selbstmordgedanken, denn ich konnte zuerst mit diesem großen Verlust nicht umgehen.

Viele junge Menschen fühlten sich in der Zeit von mir verraten und im Stich gelassen, aber da ich ja meinem Projekt nicht schaden wollte, konnte ich die ersten Jahre auch nicht frei darüber reden. Man kann auf üble Nachrede nicht reagieren noch Pressemitteilungen ignorieren. Akzeptanz dieser Umstände wurde höchst wichtig und das Wissen, dass ich vergeben darf, um loszulassen. Mir selbst für meine Fehler und Versagen, aber auch denen, die mir so weh getan haben. Mein Mentor riet mir, mich nicht sofort wieder in neue Projekte zu stürzen, sondern diesen Zwischenraum erstmal auszuhalten und wieder zu mir selbst zu kommen. Im Rückblick steckte so viel Weisheit für mich darin. Ich fand Heilung für meine Wunden, die ich heute als Narben auf meinem Herzen trage. Ich habe aber auch gemerkt, dass diese Narben mich nicht häßlicher, sondern wertvoller machen.

Meine Familie, Freund:innen und Wegbegleiter:innen wie mein Mentor halfen mir durch die schwersten Zeiten hindurch. Meine Familie und Freund:innen liebten mich einfach, weil ich bin. Mit meinem Mentor konnte ich viele Punkte anschauen, mich langsam von meinem Selbstmitleid verabschieden und neue Perspektiven entwickeln. Damit merkte ich, dass ja nicht alles im Leben vorbei war und dass ich neu bereit war, durch Türen hindurch zu gehen, die sich öffnen würden. Sie sahen zuerst anders aus und es waren mehr Einzelpersonen und kleine Gruppen also Tausende von Menschen, aber genau hierin erkannte ich meinen Auftrag. Meine Berufung war ja nicht weggenommen worden, nur weil meine Position nicht mehr vorhanden war. Und heute staune ich, wenn ich die letzten 7 Jahre an mir vorbeiziehen lasse. Das Gescheiterte wurde für mich selbst zum Segen und damit auch für Tausend andere.

 

4. Bereust du den Schritt, den du damals gegangen bist, oder bist du eher dankbar für die damit einhergehenden Erfahrungen? Welche Learnings nimmst du mit und hast du heute weniger Angst zu scheitern?

Durch diese Erfahrung habe ich zuerst so viel verloren, dass ich nach dem Verlust auch Freiheit verspürt habe, mich wieder neu auszurichten. Auch trug es Entscheidungen herbei, wo ich mir fest vornahm, nie wieder in Positionen reinzugehen, wo ich politisch zu allen Seiten agieren musste.

Obwohl ich dieses Scheitern schwer verkraftet habe und es niemanden wünsche, weiß ich heute doch, solche Erfahrungen gehören zum Leben und Verantwortung dazu. Ich bin so dankbar für ein neues und vielleicht auch festeres Fundament im Leben und nutze meinen Einfluss auch, um andere in ihrem Scheitern zu ermutigen, durchzuhalten und wieder aufzustehen. Das sogar einmal ein Buch von mir „Scheitern erwünscht – Warum Krisen uns als Leitende wachsen lassen“ zu diesem Thema erscheinen würde, hätte ich mir niemals erdenken können.

Inmitten meiner Krise sagte eine internationale Führungskraft zu mir: „Eines Tages, Evi, wirst du sehen, wie der Schmerz ein Werkzeug in deiner Werkzeugkiste sein wird“. Nach nun 7 Jahren weiß ich, es ist ein Werkzeug geworden.

Und ja, ich umarme heute mehr denn je Schmerzen und Scheitern und erlaube mir, immer wieder Dinge zu probieren, meinen Ängsten ins Gesicht zu schauen und weiterzugehen. Und das tue ich nicht alleine, sondern in Gemeinschaft mit anderen Verwundeten. Richard Rohr sagte mal, „Wenn meine Wunden auf Wunden anderer Menschen stoßen, kann bei der Berührung Heilung passieren“. Das habe ich erlebt und gehe sehr viel offener mit meinen Ängsten und Versagen um, rede mit Führungskräften darüber und lade sie ein, ebenso ihr Herz zu öffnen und ihren Schmerzen zu begegnen. Es bedeutet aber, den ersten Schritt immer wieder zu gehen und selbst transparent und authentisch mit dem Leben umzugehen.

 

5. Scheitern wird in Deutschland oft stigmatisiert. Woran liegt das deiner Meinung nach? Warum tun Menschen alles dafür, nicht zu scheitern und wie kann man die Angst vorm Scheitern überwinden?

Uns fehlt eine Fehlerkultur, in der wir feiern, dass wir mutig etwas probiert haben, auch wenn es nicht funktioniert hat. Eine Kultur, in der wir offen über Fehler und Versagen reden können.

Es ist ja unumstritten, dass wir alle Fehler machen, doch ist es so sehr mit Scham behaftet. Wir haben Angst davor, dass jemand herausfinden könnte, dass wir doch nicht so gut sind und dann weniger von uns halten würden. Aber das Gegenteil ist doch oft der Fall: Wenn wir offen mit Fehlern umgehen, geben wir auch anderen den Freiraum, es zu tun.

Ich finde, unsere junge Generation ist so viel transparenter im Umgang mit Erfolg und Misserfolg und probiert mehr. Das sollte uns anspornen, so etwas auch in unseren Unternehmen mehr zu integrieren. Die Frage sollte nicht lauten: Haben wir keine Fehler gemacht? Sondern, was haben wir aus unseren Fehlern gelernt?

Ich plädiere dafür, dass wir Führungskräfte unsere eigene Definition von Erfolg schreiben, die nicht von Ansehen, Zahlen etc. bestimmt ist.

Und dabei definieren wir neu, wie Angst überwunden werden kann. Ich merke immer wieder, wie mich die Menschenfurcht in den Griff nehmen möchte. Das zu erkennen, zu bearbeiten und direkt ins Auge zu sehen, wie ich diese Furcht positiv nutzen kann, ist für mich der Gamechanger.

 

6. Scheitern geht oft nicht ohne Fehler einher. Nicht immer klappt alles sofort und führt zu Kritik. Wie können Führungskräfte eine gesunde Fehlerkultur in ihren Teams oder Unternehmen entwickeln?

Eine gesunde Fehlerkultur muss vom Chef bzw. Chefin ausgehen. Nicht nur ein Zitieren der Kultur, sondern ein Ausleben dessen. Wie anders wäre es, wenn unsere Chef:innen diejenigen wären, die sich als Erstes für Fehler entschuldigen könnten, ohne diese zu vertuschen oder die Fehler anderen unterzujubeln?

Ebenso entscheidend ist es, ob Fehler machen und daraus lernen ein wichtiger Wert in einem Unternehmen ist. Wird darüber geredet? Werden Fehler analysiert? Gibt es Wege, Vorschläge einzubringen und Raum, Ideen auszuprobieren?

Dafür braucht es angstfreies Arbeiten und wenn Kritik angebracht ist, diese persönlich mitzuteilen, so dass niemand bloßgestellt wird.

 

7. Abschließend: Wie definierst du für dich persönlich „Erfolg“ und „Erfüllung“?

Erfolg ist für mich, Menschen bedingungslos anzunehmen und in sie zu investieren, egal, was ich davon haben werde. Bei meiner Definition habe ich mich bewusst gegen numerische Zahlen entschieden sondern für meine Lebensvision.

Erfüllung bedeutet für mich, in meiner mir anvertrauten Berufung zu leben und aus dem Vollen zu schöpfen. Ein erfülltes Leben ist für mich sinnhaft und sinngebend, um anderen Menschen ein Segen zu sein. Das heißt nicht, dass ich keinen Mangel verspüre, aber ich gebe diesem keinen Raum, Macht über mich zu haben. Ich bin dankbar für das, was ich habe.

 

Bonusfrage: Wo siehst du aktuell im Digital Marketing oder auch darüber hinaus Entwicklungen, die Unternehmen wohlmöglich zum Scheitern bringen werden? Welchen Rat würdest du den Verantwortlichen mitgeben?

Digital Marketing ist großartig und bietet viele Möglichkeiten. Es birgt aber auch die Quelle zur Manipulation und Meinungsmache. Wie viel Geld dabei in welche Richtungen fließt, bestimmt oft den Ausgang des Markenanteils und der damit einher gehenden Beeinflussung.

Die Cancel Culture kann innerhalb von Stunden einem Unternehmen schaden und Fake News werden zu wahren News, weil die Masse und nicht die Wahrheit entscheidet.

 

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert