Eigentlich ist der Begriff „Female Leadership“ in meinen Augen irreführend, weil Führung immer grundlegenden Prinzipien folgt, die nichts mit dem Geschlecht zu tun haben. Dennoch hatten bzw. teils auch haben es Frauen nicht immer leicht, eine Führungsrolle einzunehmen. Daher soll diese Interviewserie weibliche Führungskräfte besonders ehren und ihnen die Möglichkeit geben, ihre Perspektive zum Thema Führung weiterzugeben. Darf ich also vorstellen? Nina Roser, Head of SEO bei fischerAppelt. Sie wird mir im Folgenden Rede und Antwort stehen…

 

Gesina Kunkel

Nina Roser
Head of SEO bei fischerAppelt

Seit 2017 ist Nina als Head of SEO für die Full Service Agentur fischerAppelt am Standort Berlin tätig. Regelmäßig steht sie national und international auf der Bühne, um spannende SEO Cases vorzustellen, die dazu beitragen, dass die verschiedenen Disziplinen einer Website in der täglichen Arbeit enger zusammenrücken und alle von den Synergien profitieren.

Am Institut für Kultur- und Medienmanagement (KMM) der Hochschule für Musik und Theater in Hamburg ist Nina Dozentin im Bereich “Medien und Digitales“. Außerdem engagiert sie sich als Mentorin bei MentorMe, Deutschlands größtem beruflichen Mentoringprogramm für Frauen.

 

1. Welches Buch, Blog oder Podcast hat dich als Führungskraft positiv geprägt und würdest du weiterempfehlen?

Ganz klar das Magazin Neue Narrative – ein Wirtschaftsmagazin, das sich Themen aus den Bereichen New Work, agile Arbeitsmethoden, neue Unternehmenskonzepte, Social Entrepreneurship, Corporate Social Responsibility (CSR) und des verantwortungsbewussten Wirtschaftens widmet, aber auch wirtschafts- und gesellschaftspolitische Themen behandelt und dreimal im Jahr erscheint.

Neben dem Lesen zum Thema inspirieren mich Persönlichkeiten, die in meinen Augen außergewöhnliche Führungsqualitäten haben und Wegbereiter:innen sind, weil sie ohne um Erlaubnis zu bitten einfach losgelegt haben. Die Bedeutung von Vorbildern ist nicht zu unterschätzen, um zu realisieren, wie viele Dinge möglich werden, wenn man sie anpackt.

Hier nur eine Handvoll Frauen, die diesbezüglich Unglaubliches geleistet haben, alle mit klarer Folgeempfehlung auf LinkedIn!

Im Bereich Entrepreneurship und Female Empowerment: Unternehmerin Tijen Onaran (auch mit ihren wunderbaren Büchern „ Nur wer sichtbar ist, findet auch statt“ oder „Die Netzwerkbibel“), Gründerin Lea-Sophie Cramer und Investorin Verena Pausder, die sich in ihrem großartigen Business-Podcast Fast & Curious regelmäßig über all diese Themen und mehr unterhalten.

Im persönlichen Umfeld möchte ich Franziska von Lewinski für das Thema Digitalisierung und Antje Dittrich hinsichtlich der beeindruckenden Netzwerkpflege als Vorbilder nennen.

 

2. Wie würdest du deinen Führungsstil beschreiben und welche Erwartungen impliziert dies auf deine Mitarbeiter:innen?

Klarheit und Anschlussfähigkeit sind Bedingungen für eine gute Kommunikation. Und damit das gelingt, müssen wir uns bewusst machen, dass in allen kommunikativen Fällen die Beziehungsebene die Sachebene dominiert. Eine echte und belastbare Verbindung zu Menschen ist also ausschlaggebend für den Erfolg von Kommunikation und in zweiter Instanz Führung.

Unvorhergesehene Situationen prägen unsere heutige Arbeitswelt, die Dinge sind nicht linear, sondern komplex und ständig muss neu priorisiert werden. Damit die Mitglieder eines Teams dennoch handlungsfähig bleiben und beste Ergebnisse erzielen, braucht es also eine andere Form der Kommunikation durch die Führungsperson als die reine Anweisung. Es geht darum, jede:n Einzelne:n zu befähigen, mitzudenken und so eigenverantwortlich Entscheidungen im besten Sinne des Unternehmens und der Unternehmung zu treffen.

„Empathische Führung“ ist der Ausdruck, der eine Führung beschreibt, die die Mitarbeitenden ins Zentrum stellt, sie in ihrer Entwicklung fördert, sie befähigt, ihre Ziele zu erreichen.

Tipp: Lunia Hara füllt den Begriff auf LinkedIn mit Leben.

Empathie ist ein wesentlicher Baustein für den Aufbau vertrauensvoller, ehrlicher und aufgeschlossener Beziehungen. Ich habe die Erfahrung gemacht, dass Mitarbeitende, die sich wertgeschätzt und verstanden fühlen, mit außergewöhnlichen Ideen zu mir kommen, mehr Eigeninitiative zeigen, mit mir auch über Unangenehmes sprechen, was mir überhaupt die Chance gibt, Dinge zu verändern oder ins Rollen zu bringen, die ich allein vorher so nicht wahrgenommen hatte.

Ich als Führungskraft bin also nicht Ansagerin, sondern Befähigerin. Und das führt nicht zum Zurücklehnen und Ausruhen bei den Mitarbeitenden, sondern im Gegenteil: Mein Team spiegelt mir jederzeit Motivation und Eigeninitiative. Ich gebe alles und das erhalte ich auch zurück.

 

3. Als Frau zu führen ist nicht immer leicht. Man hört immer wieder auch von Geschichten, wo sich Männer gegenüber Frauen absolut daneben benehmen. Kannst du uns etwas in deine persönliche Geschichte mit reinnehmen und beschreiben, wie du (trotzdessen) zu einer Führungskraft geworden bist? Welche Barrieren musstest du überwinden bzw. wer oder was hat dir dabei geholfen?

Ich habe keine schlechten Erfahrungen gemacht, im Gegenteil – dass ich da bin, wo ich jetzt bin, liegt neben meiner Leistung und meinem Engagement auch daran, dass Männer, die in den passenden Positionen waren, mein Potenzial erkannt haben und mich entsprechend gefördert haben: wie Dr. Pascal Volz, mit dem ich seit Jahren erfolgreich zusammenarbeite oder Marcus Tandler hinsichtlich meiner Präsenz auf internationalen Bühnen wie der Friends of Search in Amsterdam oder der SMX in München.

Es sind immer Menschen notwendig, die Türen öffnen, sonst bleibt man draußen. Aber wenn die Tür offen ist, dann muss der Schritt individuell gemacht werden, dafür braucht es Mut und Drive.

Auch wenn es nicht meine Geschichte ist: Frauen haben deutlich schlechtere Voraussetzungen, in Führungspositionen aufzusteigen. Das ist eine Wahrheit, vor der niemand die Augen verschließen darf.

Viel entscheidet sich schon in Kindertagen, wenn – überspitzt gesagt – Jungs angefeuert werden, bis ganz nach oben zu klettern und Mädchen angehalten werden, ihre Kleider nicht dreckig zu machen. Dazu ein grandioser TED-Talk von Reshma Saujani: Teach girls bravery, not perfection.

Zusätzlich möchte ich allen Interessierten Alexandra Zykonov ans Herz legen, die mit ihrem Instagram-Kanal bekannt wurde, und mit ihrem Titel Wir sind doch alle längst gleichberechtigt! auf der Spiegel-Bestseller-Liste vertreten ist. Dieses Buch erklärt sehr anschaulich und prägnant, warum wir strukturell begründet (und nicht etwa individuell!) in Deutschland noch immer viel zu wenig Frauen auf der Bühne, in Führung und Verantwortung haben.

 

4. Seit ein paar Jahren wird verstärkt über das Thema „Frauenquote“ in Führungspositionen diskutiert. Wie stehst du zu diesem Thema? Hilft unserer Gesellschaft die Einführung einer Einstellungsquote oder siehst du die Gefahr, dass sich weibliche Führungskräfte damit eher wie „Quotenfrauen“ fühlen?

Gemeinhin wird oft gegen eine Quote argumentiert, weil nicht nach Geschlecht, sondern nach Leistung besetzt werden solle. Das lässt aber völlig außer Acht, dass Frauen nicht die gleichen Chancen auf verantwortungsvolle Positionen wie Männer haben.

Dazu ein paar Fakten von der Allbright Stiftung zum Thema Frauenanteil in den Führungsgremien der deutschen Börsenunternehmen aus dem September 2022:

  • Frauen in Vorständen: 14,2%
  • Weibliche CEOs: 5,6%
  • Frauen in Aufsichtsräten: 34,1%
  • Weibliche Aufsichtsratsvorsitzende: 5%

Je höher die Position, desto weniger Frauen sind vertreten.

Entscheidende Machtpositionen sind also männlich besetzt und durch den Thomas-Kreislauf (Thomas rekrutiert Thomas und der wieder einen Thomas, der ihm sehr ähnlich ist) reproduziert sich diese Verteilung.

Divers besetzte Gremien treffen bessere und ökonomischere Entscheidungen: Sie vereinen mehr Perspektiven, haben verschiedene Lebensrealitäten im Blick und finden kreativere Lösungen als homogene Gruppen.

Deshalb sind die Themen Gleichstellung UND Diversität für jedes Unternehmen, das zukunftsfähig sein oder werden will, nicht optional, sondern Notwendigkeit.

Wenn wir aber mit der aktuellen Geschwindigkeit gesellschaftliche Fortschritte in Bezug auf Gleichstellung machen, dann bräuchten wir in Westeuropa noch mehr als 50 Jahre, um die Lücke zwischen den Geschlechtern zu schließen (Quelle: Global Gender Gap Report 2021, World Economic Forum).

Solange die organische Entwicklung also so langsam ist, ist die Quote notwendig, um der Realität auf die Sprünge zu helfen.

 

5. Was möchtest du weiblichen Young Potentials gern als Rat mitgeben, die sich für eine Führungsposition interessieren?

Go for it! Und nicht erst, wenn Du glaubst, alles bereits zu können, was Du brauchst, um den Job zu erfüllen. Vieles lernt man mit der Erfahrung und kann gar nicht intensiv vorbereitet werden. Sei mutig und triff Entscheidungen. Niemand kennt den richtigen Weg, bevor er gegangen ist, und man kann immer auch erkennen, dass etwas nicht funktioniert. Schlimmer sind Unbeweglichkeit und Stillstand.

Du musst nicht alles selbst können! Führung heißt nicht, alles zu wissen, sondern es geht darum zu befähigen, Verantwortung zu tragen, und eine offene Kommunikation, ein vertrauensvolles Umfeld und eine gesunde Fehlerkultur zu etablieren. Es geht also weniger darum, was konkret getan wird, sondern vielmehr darum, wie es getan wird.

Klug priorisieren! Man hat nicht für alle Themen Zeit, niemand kann alles schaffen – wichtiger ist das Richtige zu schaffen. Um den Überblick zu behalten, lohnt es sich, Themen nach Wichtigkeit und Dringlichkeit zu priorisieren und zu überlegen, was von mir (in meiner Rolle) als Führungskraft übernommen werden muss und was delegiert werden kann.

 

6. Was können hingegen männliche Führungskräfte oder auch gleichgestellte Kollegen tun, um Frauen dabei zu helfen, ihr Potenzial zu entfalten und zu kompetenten Führungskräften zu werden?

Frauen kommen nur bis zu einem bestimmten Punkt in der Gleichstellung, wenn Männer nicht mitziehen.

Es braucht also Männer, die aufmerksam sind, das Thema für genauso relevant halten, die es hörbar und mit Effekt nach außen und innen vertreten. Kurz: Männer, die sich ebenfalls in der Verantwortung sehen, eine relevante Veränderung herbeizuführen.

 

7. Seit ein paar Jahren wird versucht, über gendergerechte Sprache für mehr Gleichberechtigung zu sorgen. Gleichzeitig gibt es hierzu aber auch kritische Stimmen und möglicherweise auch einen Bogen, den man überspannen kann. Wie ist deine Position zu dem Thema und inwiefern fühlst du dich durch eine gendergerechte Kommunikation mehr angesprochen?

Menschen mögen es nicht, wenn sich etwas ändert und das für sie unbequem ist. Die Sprache in dieser Form anzupassen braucht Commitment, denn es geht erstmal gegen die Gewohnheit.

Als ich vor zwei Jahren aus der Elternzeit zurückgekehrt bin, war ich die Einzige, die auch mündlich genderte. Mittlerweile gibt es in meinem beruflichen Umfeld in der Agentur so viele Kolleg:innen, die es ebenfalls tun. Eine schöne Entwicklung!

Warum halte ich das Gendern für so sinnvoll? Es erweitert die Schablone im Kopf und alle Menschen werden in angemessener Weise repräsentiert. Hier nur eine kleine Liste der belegten Vorteile, die es mit sich bringt:

  1. Frauen werden sichtbarer
  2. Menschen denken offener in Geschlechterrollen
  3. Kinder trauen sich mehr Berufe zu

Und ganz wichtig: es geht nicht nur um Männer und Frauen, es geht um die Inklusion aller Menschen! Deshalb gendere ich aus Überzeugung – verbal und schriftlich.

Sprache verändert sich ständig, denn sie soll die Lebenswelt abbilden – und diese ist niemals im Stillstand.

Wer erst einmal angefangen hat, sich mit dem Thema Gendern zu beschäftigen, versteht schnell, dass es deutlich weniger sperrig sein muss, als es zuerst wirkt. Es gibt außerdem nicht die eine richtige Variante, sondern viele verschiedene Wege. Allen, die sich dafür interessieren, empfehle ich wärmstens die Online-Inhalte und -Trainings von Lucia Clara Rocktäschel, die selbst aus dem Bereich Online Marketing kommt und neben der Zielgruppenorientierung auch die Performance von Texten im Blick hat.

 

7. Bonusfrage: Hast du noch weitere Gedanken zum Thema „Female Leadership“ oder „Leadership in Zukunft“, die du mit mir teilen magst?

Es sind in den vergangenen Jahren zahlreiche Communities der Unterstützung, Förderung und Inspiration für Frauen im beruflichen Kontext entstanden – wie z. B. die Global Digital Women. Die Kraft des Netzwerkens ist im beruflichen Kontext nicht genug zu betonen!

Und der Moment, um Beziehungen aufzubauen, ist nicht erst gekommen, wenn man bereits in der Führungsrolle ist. Selbst wenn man ganz frisch gestartet ist, lohnt es sich, Kontakte zu pflegen. Denn parallel zur eigenen beruflichen Entwicklung wachsen auch die Fähigkeiten und Erfahrungen der Peer Group, was bei genug Zuwendung zu einer stabilen Ressource in den kommenden beruflichen Jahren werden kann, wenn es um gezielten Austausch, Updates aus der Branche und Nachwuchsförderung geht.

Auf Plattformen wie LinkedIn können wir alle digital berufliche Verbindungen schaffen, selbst wenn wir die Menschen nicht persönlich kennen – auch levelübergreifend oder international. Und als kleiner Reminder: Eine durchdachte, persönliche Nachricht zur Kontaktaufnahme kann der Anfang für einen langjährigen, wertvollen Austausch sein.

Und zum Schluss mein Wunsch an alle, die bis hierhin gelesen haben: Wenn ihr selbst durch die Tür gegangen seid, denkt daran, die Tür hinter euch aufzuhalten!

 

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