Interview-Reihe

7 Fragen über’s Scheitern

Nicht immer läuft im Business alles rund. Manchmal geht ein Plan nicht auf und man scheitert. Ich bin der festen Überzeugung, dass diesen Geschichten viel zu wenig Bühnen gegeben wird. Und das obwohl die Learnings daraus mehr wert sind als 100 Bücher darüber, wie man erfolgreich wird. Daher will ich mit dieser Interviewserie Menschen zu Wort kommen lassen, die gescheitert und wieder aufgestanden sind.

Jan Kaiser

Gründer und Geschäftsführer bei Xanevo

Jan Kaiser hat einen Hintergrund als mehrjähriger KI Berater und ist Mitgründer der Xanevo GmbH – somit verantwortet er seit über zwei Jahren ein gemischtes Team, das in der Größe zwischen fünf bis neun Leuten variierte. Zusammen beraten sie Unternehmen im Bereich E-Commerce und Affiliate Marketing darin, wie sie ihre Texte mehrsprachig skalieren können, und setzen dies in Form von Automatismen auf.

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1. Welches Buch, Blog oder Podcast hat dich für die Themen Leadership und Unternehmertum positiv geprägt und würdest du weiterempfehlen?

Die Story der Antarktisexploration beschrieben in Shackleton’s Way hat mich sicherlich nachhaltig geprägt. Kurzum geht es darum, dass Shackleton eine Reihe schwierige, aber dennoch wohl durchdachte Top-Down Entscheidungen traf, welche schlussendlich zum Überleben seiner gestrandeten Explorationstruppe führte.

2. Du bist schon mal mit einem Business gescheitert. Magst du uns beschreiben, was dir wiederfahren ist und wie es dazu kommen konnte?

Im Grunde genommen ist eine gemeinsame Vision gescheitert, das Business gibt es zum Glück noch heute. Hierfür muss man einige Jahre zurückspulen in den Mai 2021. In diesem Monat trafen sich Timo, Jeffrey & ich, um uns gemeinsam für die Gründung einer GmbH zu entschließen, welche allen voran Folgendes tun sollte: Menschen von unnötiger händischer Arbeit abnehmen, die sie ankotzt. Praktisch die Befreiung aus dem Hamsterrad, hin zu einer Position, aus welcher heraus Prozesse optimiert werden können, anstatt sie stets zu wiederholen.

Ich muss hierzu erwähnen, dass ich damals Freiberufler war und bereits einen Bestandskunden hatte, welcher unser Gründungsteam (drei Gründer & zwei weitere Freiberufler) als Auftraggeber finanzierte. Es war mir klar, dass ich diese Chance ergreifen muss, um bereits früh ein Team hinter mir zu haben, das mir die Freiheit gibt unternehmerisch zu handeln, anstatt selbst jeden Tag in Projekten zu stecken.

Long story short: Wir waren ein ambitioniertes, aber gleichzeitig unerfahrendes Gründerteam im Alter von durchschnittlich 23 Jahren. Die damalige Wirtschaftslage zur Corona Zeit bot eine hohe Offenheit gegenüber digitaler Dienstleistungen, welche in kurzer Zeit wieder kippte. Wir arbeiteten primär mit Fashion E-Commerce Unternehmen zusammen, welche unter diversen Einflüssen litten: Alte Muster kehrten wieder als sich Corona Maßnahmen lockerten, der Ukrainekrieg hinterlässt Spuren, Galeria Kaufhof meldete erneut Insolvenz an und ChatGPT trat in den Markt. Unser Hauptumsatz waren und sind automatisiert generierte Produkttexte für Fashion Onlinehändler. Unpraktisch, oder?

Für einen „Pivot“ zu spät, entschieden wir die Gründerkonstellation aufzulösen. Mitarbeitende gingen teils von selbst, teils gekündigt. Im Januar 2023 waren wir von acht Leuten nur noch zu viert. Die ursprüngliche Vision des Gründungsteams starb somit, wenngleich die Freundschaft weiterhin besteht.

3. Welche persönlichen Konsequenzen hat(te) das Scheitern für dich und durch welche Achterbahn der Gefühle bist du gegangen? Was hat dir geholfen, wieder aufzustehen und nach vorn zu schauen?

Wer mich kennt, weiß dass ich schon immer ausgesprochen hart im Nehmen war. Ich komme aus einer Familie mit geschiedenen Eltern, die sich immer wieder um das Sorgerecht stritten. Als Kind war ich zudem etwas merkwürdig – früh eingeschult war ich zwar klug, aber geistig nicht so reif wie meine Mitschüler, das bot Angriffsfläche. Kurzum: ich lernte früh alleine zurechtzukommen und mit negativen Emotionen umzugehen.

Aus diesem Grund fiel ich im Fall von Xanevo nicht auf die Knie, sondern blieb standhaft und bereitete mich auf die Situation vor: emotional, körperlich und auch zeitlich.

Ein „Scheitern“ tritt oftmals nicht plötzlich auf, es ist ein Prozess, der sich anbahnt. Dies zeichnete sich in verschiedenen Aspekten ab. Die Motivation sank, finanziell sah es nicht glänzend aus und auch der Vertrieb lief nicht gerade blendend.

Das Schwierigste war es, zu versuchen die Motivation des Teams oben zu halten. Erwartungshaltungen managen, das Team anfeuern, einen Haufen Energie in die Arbeit stecken und dabei schauen, dass man selbst nicht dabei untergeht. Denn wer zieht einen selbst, wenn man versucht an der Spitze zu sein und alle anderen zu ziehen?

Emotional half der offene Umgang mit dem Team und der positive Zuspruch, als auch das Vertrauen, das man mir entgegen brachte. „Wenn das wer schafft, dann du. Wir glauben an dich.“ Stark, das gibt Energie. Zeitlich krempelte ich meinen Kalender um, sagte Treffen mit Freunden und Familie ab und sah zu, dass ich die Zeit auf der Arbeit nach Möglichkeit auch optimieren kann. Und damit ich körperlich ebenfalls durchhielt, suchte ich mir einen Biohacking Coach – Björn Kurtenbach – mit dem ich frühzeitig sprach und meinen Schlaf, meine Ernährung, meine Achtsamkeit und den nachhaltigen Umgang mit Stress & mir selbst verbesserte.

Liest sich nicht wie scheitern oder eine Niederlage? Klar bin ich enttäuscht über den Rückschlag, aber ich blicke in der Regel stets nach vorne.

4. Bereust du den Schritt, den du damals gegangen bist, oder bist du eher dankbar für die damit einhergehenden Erfahrungen? Welche Learnings nimmst du mit und hast du heute weniger Angst zu scheitern?

Kurzum: Nein. Ich bereue keine Sekunde der letzten Jahre, da dies ausschließlich wertvolle Erfahrungen sind, die ich mitnehme. Nicht viele trauen sich mit 23 zu gründen und ich nehme ausschließlich Learnings für die Zukunft mit.

Angst zu scheitern hatte ich von Anfang an nicht, das ist jedoch vielleicht meinem Background zuzuschreiben. Meine Mentalität hier ist ganz einfach: „Was soll schon passieren?“

Ich lebe in Deutschland und habe Informatik studiert. Realistischerweise wäre ich – falls Xanevo endgültig gescheitert wäre – wieder in die Industrie gegangen oder hätte erneut gegründet. Auch als Freiberufler hätte ich sicherlich wieder weitermachen können.

5. Scheitern wird in Deutschland oft stigmatisiert. Woran liegt das deiner Meinung nach? Warum tun Menschen alles dafür, nicht zu scheitern und wie kann man die Angst vorm Scheitern überwinden?

Wirklich belegen kann ich das nicht, jedoch glaube ich, dass der ständige Medienkonsum durchaus eine Rolle spielt. Menschen schreiben lieber über Erfolgsstories, ob wahr oder nicht. Das Narrativ wird in der Regel so ausgelegt, dass es Leser anzieht oder Menschen dazu bewegt, den „Like“-Button zu drücken. Daher ist ein Kurzvideo mit der Rolex am linken Arm und dem Blick vom Dachgeschoss eines 50-stöckigen Hochhauses für die Selbstdarstellung gegenüber der Online-Audienz gar nicht so ungeeignet.

Gleichzeitig bin ich aber auch der Meinung, dass Scheitern nicht überglorifiziert werden sollte. Learnings nach dem Scheitern sind gut, eine vorher gut durchdachte Strategie und eine effiziente Steuerung sind in vielen Fällen aber besser.

Ich glaube in Deutschland sind wir in einem Land der Denker und Skeptiker. Wir investieren lieber in nachweislich funktionierende Konzepte, als das nächste Moonshot Projekt. Einem vielfach zertifizierten Coach wird eher vertraut als dem Menschen, der mit Herz, Seele und Verstand hinter seinem Konzept steht.

Auch ich versuche nach Möglichkeit nicht zu viel zu scheitern. Hier und da habe ich mal gehört, dass das richtige Maß – nämlich um die 85% – den optimalen Lerneffekt herbeiführt. Wer häufiger scheitert tendiert zur Bitterkeit, wer seltener scheitert bleibt auf der Stelle stehen. Das halte ich für ausgesprochen einleuchtend.

6. Scheitern geht oft nicht ohne Fehler einher. Nicht immer klappt alles sofort und führt zu Kritik. Wie können Führungskräfte eine gesunde Fehlerkultur in ihren Teams oder Unternehmen entwickeln?

Das ist nicht ganz korrekt, wie ich finde. Oder wir haben nicht die gleiche Definition von Scheitern.

Schließlich kann es doch auch sein, dass man scheitert, ohne einen einzigen Fehler gemacht zu haben, oder? Ich bin gescheitert, weil ich beim Lottospiel die Kreuze falsch gesetzt habe. Aber war meine Wahl ein Fehler?

Zwar schrieb ich, dass ich „KI Berater“ bin, jedoch finde ich die Abkürzung KI (Künstliche Intelligenz) etwas unpraktisch. In einigen Kreisen würde man sagen, dass ich Data Science Berater bin, oder sowas ähnliches. Und das hat viel mit Statistik zu tun.

Daher bin ich auch ein Freund der begründeten Entscheidungen und nutze das Feld der „Decision Intelligence“ ganz gerne, um meine eigenen Entscheidungen zu treffen, oder um die richtigen Fragen zu stellen, wenn jemand bei mir im Team an etwas scheitert.

  • „Was war der Grund oder der Auslöser, dass XYZ nicht (beim ersten Mal) geklappt hat?“
  • „Hätte man diese Situation vermeiden können? Falls ja, was müssen wir zukünftig dafür tun?“
  • „Kann ich Dir in irgendeiner Art und Weise eine Hilfe sein, wenn Du zukünftig wieder vor XYZ stehst?“

Diese und viele weitere Fragen helfen mir dabei, dass die gescheiterte Person zum kritischen Nachdenken angeregt wird. Keiner ist perfekt, das gilt auch für die Arbeit, die jemand erfüllt. Perfekte Arbeit ist sowieso in meiner Branche nicht wirtschaftlich und alles andere als förderlich für alle Beteiligten.

Hier finde ich wichtig, dass dies sowohl dem Kunden als auch dem Team klar ist, ohne dass dies als Ausrede zum schlampig arbeiten verwendet wird.

7. Abschließend: Wie definierst du für dich persönlich „Erfolg“ und „Erfüllung“?

Für mich ist Erfolg etwas sehr subjektives, daher wirst Du wahrscheinlich einige sehr unterschiedliche Antworten erhalten. Hierüber musste ich einige Minuten grübeln:
Erfolg ist das Erfüllen einer Sache unter Beachtung selbst gesetzter Regeln und Erwartungen, sowie aufgebrachter Energie.

Hiermit möchte ich implizieren, dass das Wort „Erfolg“ keine banalen Dinge einschließt, wie das schlichte Einschenken von Wasser oder morgens ganz normal aus dem Bett aufzustehen. Unter Betrachtung erschwerter Umstände oder im Rahmen von auferlegten Regeln, zum Beispiel „morgens um 4 sofort aufstehen, wenn der Wecker klingelt“, kann dazu führen, dass ich auch das morgentliche Aufstehen durchaus als Erfolg anerkennen würde.

Das Wort „Erfüllung“ hingegen verbinde ich damit, im Einklang mit sich selbst und seinen Werten zu sein. Ich assoziiere dies mit dem Bild, dass alles am rechten Platz ist, jedoch ständig im Fluss.

Bonusfrage: Wo siehst du aktuell im Digital Marketing oder auch darüber hinaus Entwicklungen, die Unternehmen wohlmöglich zum Scheitern bringen werden? Welchen Rat würdest du den Verantwortlichen mitgeben?

Das Internet wird aktuell mit dem tausendsten Beitrag geflutet, wie man eine Landing Page baut, dass ETFs langfristig die bessere Wahl als Broker sind, oder dass Bananen radioaktiv sind. Wenngleich dadurch ein gewisses Maß an Expertise in einem Bereich dargestellt werden kann, so steuern sie nicht viel Wert bei.

Und dennoch gibt es nun etwaige KI-Tools, die es einem leichter machen neue Blogbeiträge zu erstellen, Social Media Kanäle zu fluten, Ad Creatives wie auf dem Laufband zu drucken, um ein paar der Marketing Kanäle zu nennen, die wohlmöglich nun gefährdet sind oder scheitern könnten.

Denn die Realität ist: aktuelle Trends und Technologien sind nicht nur ein Hype, sie werden bleiben und uns weiter begleiten. Vermutlich wird es sogar so sein, dass sich die Zeiträume verkleinern werden, in welchen sich disruptive Technologien auf den Digital Marketing Bereich ausüben werden.

Das stresst Entscheider auf Käufer- und Verkäuferseite im B2B-Umfeld, das stresst Teams von Entscheidern und schlussendlich auch ganze Organisationen. Hierzu könnte man vermutlich eine eigene Blogreihe oder einen Podcast dazu aufnehmen.

Aber das Ende vom Lied ist: Meiner Meinung nach kommt Change schneller und häufiger. Dafür sind die meisten Firmenkulturen nicht ausgelegt. Dafür sind viele Mitarbeitende auch nicht ausgelegt, geschweige denn daran gewöhnt. Oft wird man doch angestellt, um eine Sache nach Schema X wieder und wieder abzuarbeiten.

Wer das weiterhin so macht, wird mittel- und langfristig scheitern.

Martin Brosy

Managing Partner bei impulsQ

Er gilt in der Online Marketing Welt wohl als umtriebig und tüchtig. Die Rede ist von Martin Brosy. Managing Partner der Agenturgruppe impulsQ, Dozent an der Hochschule Reutlingen und Speaker auf den hiesigen SEO Konferenzen. Mit dem weltweit ersten Streaming Dienst zur Fortbildung im Online Marketing afsplus hat er in diesem Jahr für viel Aufmerksamkeit auf Social Media gesorgt.

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1. Welches Buch, Blog oder Podcast hat dich für die Themen Leadership und Unternehmertum positiv geprägt und würdest du weiterempfehlen?

Ich war als Offizier mehrere Jahre bei der Bundeswehr tätig. Die Zeit hat mich geprägt. Stelle dir mal folgendes vor. Du bist für fünf Tage auf einer Übung und als Gruppenführer für deine Soldat:innen verantwortlich. Wenig Schlaf – Kälte – Hunger – Keine Energie. Jetzt wird in der Nacht ein Angriff simuliert und deine Gruppe wird aus dem Schlaf gerissen. Sofortige Einsatzbereitschaft herstellen und den Feind abwehren. Anschließend verlegt ihr zu Fuß rund 15 Kilometer in den rückwertigen Raum. Weißt du was jetzt passiert? Führen durch Vorbild. Wenn du jetzt nicht mehr tust, als deine Soldat:innen, dann folgt dir auch niemand. Wenn du dir vorher nicht den Respekt verdient hast, dann folgt dir ebenfalls niemand. Ich meine jetzt nicht den Respekt, den dir der Rang einbringt, sondern den Respekt, den du dir durch Fürsorge und Menschlichkeit verdienst. Leadership musst du erleben. Leadership folgt aus Reflexion. Leadership bedeutet Entscheidungen zu treffen.

2. Du bist schon mal mit einem Business gescheitert. Magst du uns beschreiben, was dir wiederfahren ist und wie es dazu kommen konnte?

Auf mein Scheitern war ich nie besonders stolz. Mit jedem Scheitern haben bei mir Menschen ihre Jobs, Investoren ihr Kapital und das nähere Umfeld ein Teil der Zeit mit mir verloren. Bis heute erkenne ich hinterm Scheitern keinen romantischen Gedanken.

„Solange du aus deinem Misserfolg lernst, kannst du nicht Scheitern!“

Im Kern ist diese Aussage korrekt. Wenn du am Boden bist, bringen dir solche Statements überhaupt nichts. Warum? Rückschläge machen immer erst im Nachhinein Sinn. Im Moment des Scheiterns brauchst du Menschen, die an deiner Seite stehen und dir nicht irgendwelche Plattitüden an den Knopf knallen.
Richtig gescheitert bin ich in meinem Leben drei Mal. Zumindest hat es mir da den Boden unter den Füßen weggerissen.

Mit meinem ersten Webprojekt habe ich monatlich um die 5.000 Euro verdient. Bis ich es mit den Verkauf von Links übertrieben habe und sämtliche Rankings verloren habe. Ich musste das Projekt einstampfen.

Anschließend habe ich eine Agentur gegründet und konnte binnen ein Jahr die erste Million Jahresumsatz verzeichnen. Ein weiteres Jahr später ist der Umsatz auf über zwei Million Euro gestiegen. Klingt gut. Klingt wie im Traum. Tatsächlich habe ich mit meinem Geschäftspartner täglich gestritten. Wir hatten unterschiedliche Lebensvorstellung. Ich wollte die Firma weiter skalieren und mein Geschäftspartner wollte die Welt bereisen. Diese Differenz konnten wir nie auflösen. Sodass ich für einen lächerlichen Betrag von ungefähr 150.000 Euro meine 55 Prozent Firmenanteile an meinen Geschäftspartner abgegeben habe. Lächerlich deshalb, weil mein Kapitalkonto plus die Assets weit oberhalb des Verkaufspreises gelegen haben. Der tatsächliche Wert der Anteile lag zwischen einer und zwei Millionen Euro. Ich wollte allerdings schnellstmöglich raus, da ich das alles nicht mehr tragen konnte. Am Ende musst du immer in den Spiegel schauen können.

Bis zu diesem Zeitpunkt hatte ich noch nie Erfahrung mit Investoren. Also habe ich einen Exkurs in die Welt der StartUps gewagt und bin mangels Können und ausreichender Finanzierung gescheitert. Das war 2020.

Diese drei Erlebnisse möchte ich heute nicht in meinem Leben missen. In der Zeit habe ich sehr viel über mich gelernt und bin daran gewachsen. Auf das ein oder andere hätte ich zwar verzichten können, aber die steile Karriere verläuft halt nur in den seltensten Fällen linear gen Himmel.

3. Welche persönlichen Konsequenzen hat(te) das Scheitern für dich und durch welche Achterbahn der Gefühle bist du gegangen? Was hat dir geholfen, wieder aufzustehen und nach vorn zu schauen?

Mein erstes Webprojekt. 35.000 Euro Schulden. Eine Zahlungsaufforderung vom Finanzamt. Eine weinende Frau. Wie es mir dabei ging? Ich dachte eine Welt bricht zusammen. An diesem Tag habe ich alles grundlegend verändert und bin alle ungeliebten Dinge angegangen. Es hat sich ausgezahlt. In den nächsten drei Jahren konnte ich eine Agentur aufbauen und in Hochzeiten mehr als 25 Mitarbeitenden eine Existenzgrundlage geben.

In der vorangegangenen Frage habe ich schon gespoilert. Ich habe die Agentur einige Jahre später verlassen.

Für mich ist eine Welt zusammengebrochen. Über Jahre habe ich wöchentlich mehr als 70 Stunden gearbeitet, um dann am Ende die Firma zu verlassen. Wegen der eigenen Gesundheit habe ich alles aufgegeben. Es kam, wie es kommen musste. Sofort bin ich in eine Depression gefallen und habe sechs Monate täglich Suizid Gedanken gehabt. Ich war von meinem Geschäftspartner so enttäuscht und habe die Welt nicht mehr verstanden. Ich wurde gemobbt, gegaslightet und sprichwörtlich aus der Firma geekelt.

Geholfen haben mir Gespräche. Meine Frau stand in dieser schweren Zeit immer mit einem offenen Ohr an meiner Seite und hat einfach zugehört. Dadurch konnte ich neue Kraft schöpfen. Sie hat meine Trauer verstanden.

4. Bereust du den Schritt, den du damals gegangen bist, oder bist du eher dankbar für die damit einhergehenden Erfahrungen? Welche Learnings nimmst du mit und hast du heute weniger Angst zu scheitern?

Eine interessante Frage. Mit meinem Austritt aus der von mir gegründeten Agentur habe ich auf weit mehr als eine Million Euro und ein funktionierendes Geschäftsmodell verzichtet. In der Retroperspektive war der Verkauf meiner Anteile die Beste Entscheidung in meinem unternehmerischen Leben. Heute muss ich keine Energie mehr in Streitigkeiten verschwenden. Ich kann endlich meine eigenen Werte leben und habe damit aufgehört, dem schnellen Euro hinterherzurennen. Rückschläge definiere ich für mich heute wie folgt – Niemand weiß, ob ich bei einem Rückschritt scheitere oder nur Anlauf nehme.

Angst habe ich heute keine mehr. Respekt? Ja!

Wir investieren unfassbar viel in unsere Unternehmen und in unsere Expertise. Sodass ich mir unternehmerisch keine Gedanken mehr mache. Schlaflose Nächte habe ich weiterhin, aber nichts im Vergleich zu vorangegangenen Unternehmungen.

5. Scheitern wird in Deutschland oft stigmatisiert. Woran liegt das deiner Meinung nach? Warum tun Menschen alles dafür, nicht zu scheitern und wie kann man die Angst vorm Scheitern überwinden?

Jemand gründet ein Unternehmen und geht mit seinem Privatvermögen All-In. Er oder sie scheitern. Meinen vollen Respekt. Die Gründer:innen haben es probiert und haben am Erfolg geglaubt.

Jemand gründet mit dem Geld eines VCs sein erstes Unternehmen und mietet tolle Büroräume an, besucht After-Work-Veranstaltungen, least sich ein tolles Auto, zahlt sich ein nettes Gehalt aus… und scheitert, dann sind das nicht selten Menschen, mit denen ich persönlich nicht unbedingt quatschen möchte.

Für mich bist du nicht Unternehmer, bzw. Unternehmerin weil du eine Firma gründest. Erst wenn du für deine Mitarbeitenden und die Gesellschaft alles tust, dann bist du für mich genau die Art Unternehmer/in, die ich respektiere. Alles andere ist für mich deflationäre Selbstinszenierung.

6. Scheitern geht oft nicht ohne Fehler einher. Nicht immer klappt alles sofort und führt zu Kritik. Wie können Führungskräfte eine gesunde Fehlerkultur in ihren Teams oder Unternehmen entwickeln?

Eine Fehlerkultur erachte ich für selbstverständlich. In unseren Unternehmen wird darüber nicht gesprochen, sondern es wird gelebt. Es geht auch nicht anders, denn am Tag treffe ich selbst so viele Fehlentscheidungen, warum sollten die Mitarbeitenden dann nicht auch Fehler machen dürfen. Einfach darüber sprechen und daraus lernen. Letzteres ist essenziell.

7. Abschließend: Wie definierst du für dich persönlich „Erfolg“ und „Erfüllung“?

Was ich jetzt hier antworten werde, werden wahrscheinlich viele andere auch geschrieben haben. Wenn du glücklich bist, bist du erfolgreich. Die Frage, die du dir also stellen solltest, lautet, bist du glücklich?

Du brauchst kein Unternehmen, um glücklich zu sein. Du musst keinen Porsche fahren, um glücklich zu sein. Ich persönlich bin froh, dass ich mich jeden Tag selbst verwirklichen kann, für meine Familie gut sorge und mich für unsere Gesellschaft engagiere. Das ist mir wichtig. Erfolg mit Geld gleichzusetzen, greift meiner Erfahrung nach viel zu kurz.

Bonusfrage: Wo siehst du aktuell im Digital Marketing oder auch darüber hinaus Entwicklungen, die Unternehmen wohlmöglich zum Scheitern bringen werden? Welchen Rat würdest du den Verantwortlichen mitgeben?

Der Gründer:innen-Nachwuchs wird momentan stark mit Materialismus geködert. Eine teure Uhr in einer Werbeanzeige zieht offenbar mehr als unternehmerische Werte und Expertise. Wenn Geld dein einziger Antrieb ist, dann wird dein Vorhaben scheitern. Zumindest langfristig wird es nichts werden. Mein Tipp also, folge deiner Leidenschaft und nicht irgendwelchen Götzen.

Evi Rodemann

Geschäftsführerin von LeadNow e.V.

Evi Rodemann ist Geschäftsführerin von LeadNow e.V., der bewusst in junge Leitende aus ganz Europa investiert, sie ermutigt und fördert. Daneben ist sie Buchautorin von Scheitern erwünscht! Warum uns Krisen als Leitende wachsen lassen.

Ihr Leben ist randvoll und dabei sich nicht zu verlieren, sondern immer wieder eigene Grenzen zu beachten, ist eins ihrer konstanten Lernfelder. Dazu gehört auch ihr PhD Studium in Theologie, was sie in erster Linie für sich macht, um Lernende zu bleiben.

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1. Welches Buch, Blog oder Podcast hat dich für die Themen Leadership und Unternehmertum positiv geprägt und würdest du weiterempfehlen?

In der Zeit meiner Krise haben mich besonders zwei englische Bücher sehr geprägt: Leadership Pain von Samuel Chang und Leading with a limp von Dan Allender.

Beide Autoren beschreiben, wie Schmerzen und Krisen zur Führungsverantwortung dazu gehören und Schmerzen in Leitung sagen nichts darüber aus, ob du eine schlechte Leiter:in bist oder nicht. Tatsächlich haben die Bücher mich ermutigt, den Schmerz bewusst zu umarmen und zu akzeptieren, dass Krisen und Scheitern wie auch Leitung eine Münze mit zwei Seiten sind. Sie sind untrennbar miteinander verknüpft und ich kann nicht eins ohne das andere haben.

Auch der Leadership Podcast von Craig Groeschel ist einer derjenigen, die ich regelmäßig höre. In 2021 sagte er in einer Folge: If you are not hurting, you are probably not leading (frei übersetzt: Wenn du gerade keine Schmerzen erleidest, leitest du wahrscheinlich gerade nicht).

Ein bedenkenswerter Satz und seine Podcast-Folgen haben mich viele Male schon herausgefordert, gerade dann, wenn ich mich entscheiden muss, nicht auf meine Angst oder Menschenfurcht zu hören, sie aber wahrzunehmen.

2. Du bist schon mal mit einem Business gescheitert. Magst du uns beschreiben, was dir wiederfahren ist und wie es dazu kommen konnte?

Ich war Geschäftsführerin einer europäischen Jugendorganisation, die ich mit ins Leben gerufen hatte. Vier Kongresse mit bis zu insgesamt 12.000 Teilnehmenden hatte ich über 9 Jahre organisiert und mit Hunderten von Freiwilligen durchgeführt. Die Anfrage, hier selbst federführend mitzuwirken, war für mich die schönste Berufung. Ich hatte vor Jahren mal in mein Journal geschrieben, wenn jemals solche Kongresse in Europa nochmals entstehen würden, wäre ich bereit, alles zu geben und mitzumischen.

Ich hatte keine Ahnung, dass ich eines Tages mal diese Organisation leiten und entwickeln würde, aber es war in meiner beruflichen Laufbahn das Schönste, was ich jemals gestalten durfte. Umso härter traf es mich, als ich in einem Telefonat nach dem 4. Kongress rausgebeten wurde. Man sei nicht mehr an mir interessiert, wollte jemand anderen einsetzen und brauchte auch keine weiteren Infos zur Übergabe etc. Von einer Minute auf die andere war ich aus meinem Herzensprojekt rausgeflogen. Die Gründe habe ich bis heute nicht wirklich verstanden und das machte das Verarbeiten so viel schwerer. Wenn es Sex und Geld nicht waren, war es dann Macht? Könnte es Macht gewesen sein, die eine andere Frau zur Konkurrenz werden ließ?

Ich habe sicherlich einiges falsch gemacht und etliche Anzeichen übersehen, aber bis heute fällt mir nichts ein, was so schlimm gewesen wäre, nicht weitermachen zu dürfen. Meine erste Rettung war, dass mein Mentor bei diesem Telefonat mit dabei war und mir entscheidend weiterhalf, diese Krise zu bearbeiten. Er zahlte mir sogar eine Reise nach England, um eine Traumapsychologin aufzusuchen.

Nicht nur ich war nicht mehr gewollt, auch fast das gesamte Team um mich herum wurde mit abgestraft. Ich lud den Aufsichtsrat ein, sich doch mit uns auseinanderzusetzen, aber uns wurde nur ein Termin in neun Monaten in Aussicht gestellt. Das war zu spät.

Gerüchte gab es in dieser Zeit viele und ein fünfter Kongress, der ohne mich stattfinden sollte, musste 20 Tage vor Beginn abgesagt werden, da sich nicht genügend Teilnehmende gefunden hatten. Später wurde die gesamte Arbeit aufgelöst oder wie die Traumapsychologin sagte, „mein Baby wurde umgebracht“. So fühlte es sich für mich an.

3. Welche persönlichen Konsequenzen hat(te) das Scheitern für dich und durch welche Achterbahn der Gefühle bist du gegangen? Was hat dir geholfen, wieder aufzustehen und nach vorn zu schauen?

Ich musste mir tief ins Herz schauen und mich fragen, wer ich ohne meinen Titel und Position noch bin. Bin ich immer noch wertvoll und geliebt, selbst wenn ich keine maßgebliche Arbeit leiste, sondern erstmal nur bin? Diesem nachzugehen, war eins der wichtigsten Erfahrungen und damit verbundenen Entscheidungen, ein Ja zum Leben unabhängig vom Status auszusprechen.

Viele Monate war ich höchst deprimiert, wusste weder aus noch ein, hatte das Gefühl, eine komplette Versagerin zu sein, die am besten Europa verlässt. In ganz schlimmen Momenten plagten mich auch Selbstmordgedanken, denn ich konnte zuerst mit diesem großen Verlust nicht umgehen.

Viele junge Menschen fühlten sich in der Zeit von mir verraten und im Stich gelassen, aber da ich ja meinem Projekt nicht schaden wollte, konnte ich die ersten Jahre auch nicht frei darüber reden. Man kann auf üble Nachrede nicht reagieren noch Pressemitteilungen ignorieren. Akzeptanz dieser Umstände wurde höchst wichtig und das Wissen, dass ich vergeben darf, um loszulassen. Mir selbst für meine Fehler und Versagen, aber auch denen, die mir so weh getan haben. Mein Mentor riet mir, mich nicht sofort wieder in neue Projekte zu stürzen, sondern diesen Zwischenraum erstmal auszuhalten und wieder zu mir selbst zu kommen. Im Rückblick steckte so viel Weisheit für mich darin. Ich fand Heilung für meine Wunden, die ich heute als Narben auf meinem Herzen trage. Ich habe aber auch gemerkt, dass diese Narben mich nicht häßlicher, sondern wertvoller machen.

Meine Familie, Freund:innen und Wegbegleiter:innen wie mein Mentor halfen mir durch die schwersten Zeiten hindurch. Meine Familie und Freund:innen liebten mich einfach, weil ich bin. Mit meinem Mentor konnte ich viele Punkte anschauen, mich langsam von meinem Selbstmitleid verabschieden und neue Perspektiven entwickeln. Damit merkte ich, dass ja nicht alles im Leben vorbei war und dass ich neu bereit war, durch Türen hindurch zu gehen, die sich öffnen würden. Sie sahen zuerst anders aus und es waren mehr Einzelpersonen und kleine Gruppen also Tausende von Menschen, aber genau hierin erkannte ich meinen Auftrag. Meine Berufung war ja nicht weggenommen worden, nur weil meine Position nicht mehr vorhanden war. Und heute staune ich, wenn ich die letzten 7 Jahre an mir vorbeiziehen lasse. Das Gescheiterte wurde für mich selbst zum Segen und damit auch für Tausend andere.

4. Bereust du den Schritt, den du damals gegangen bist, oder bist du eher dankbar für die damit einhergehenden Erfahrungen? Welche Learnings nimmst du mit und hast du heute weniger Angst zu scheitern?

Durch diese Erfahrung habe ich zuerst so viel verloren, dass ich nach dem Verlust auch Freiheit verspürt habe, mich wieder neu auszurichten. Auch trug es Entscheidungen herbei, wo ich mir fest vornahm, nie wieder in Positionen reinzugehen, wo ich politisch zu allen Seiten agieren musste.

Obwohl ich dieses Scheitern schwer verkraftet habe und es niemanden wünsche, weiß ich heute doch, solche Erfahrungen gehören zum Leben und Verantwortung dazu. Ich bin so dankbar für ein neues und vielleicht auch festeres Fundament im Leben und nutze meinen Einfluss auch, um andere in ihrem Scheitern zu ermutigen, durchzuhalten und wieder aufzustehen. Das sogar einmal ein Buch von mir „Scheitern erwünscht – Warum Krisen uns als Leitende wachsen lassen“ zu diesem Thema erscheinen würde, hätte ich mir niemals erdenken können.

Inmitten meiner Krise sagte eine internationale Führungskraft zu mir: „Eines Tages, Evi, wirst du sehen, wie der Schmerz ein Werkzeug in deiner Werkzeugkiste sein wird“. Nach nun 7 Jahren weiß ich, es ist ein Werkzeug geworden.

Und ja, ich umarme heute mehr denn je Schmerzen und Scheitern und erlaube mir, immer wieder Dinge zu probieren, meinen Ängsten ins Gesicht zu schauen und weiterzugehen. Und das tue ich nicht alleine, sondern in Gemeinschaft mit anderen Verwundeten. Richard Rohr sagte mal, „Wenn meine Wunden auf Wunden anderer Menschen stoßen, kann bei der Berührung Heilung passieren“. Das habe ich erlebt und gehe sehr viel offener mit meinen Ängsten und Versagen um, rede mit Führungskräften darüber und lade sie ein, ebenso ihr Herz zu öffnen und ihren Schmerzen zu begegnen. Es bedeutet aber, den ersten Schritt immer wieder zu gehen und selbst transparent und authentisch mit dem Leben umzugehen.

5. Scheitern wird in Deutschland oft stigmatisiert. Woran liegt das deiner Meinung nach? Warum tun Menschen alles dafür, nicht zu scheitern und wie kann man die Angst vorm Scheitern überwinden?

Uns fehlt eine Fehlerkultur, in der wir feiern, dass wir mutig etwas probiert haben, auch wenn es nicht funktioniert hat. Eine Kultur, in der wir offen über Fehler und Versagen reden können.

Es ist ja unumstritten, dass wir alle Fehler machen, doch ist es so sehr mit Scham behaftet. Wir haben Angst davor, dass jemand herausfinden könnte, dass wir doch nicht so gut sind und dann weniger von uns halten würden. Aber das Gegenteil ist doch oft der Fall: Wenn wir offen mit Fehlern umgehen, geben wir auch anderen den Freiraum, es zu tun.

Ich finde, unsere junge Generation ist so viel transparenter im Umgang mit Erfolg und Misserfolg und probiert mehr. Das sollte uns anspornen, so etwas auch in unseren Unternehmen mehr zu integrieren. Die Frage sollte nicht lauten: Haben wir keine Fehler gemacht? Sondern, was haben wir aus unseren Fehlern gelernt?

Ich plädiere dafür, dass wir Führungskräfte unsere eigene Definition von Erfolg schreiben, die nicht von Ansehen, Zahlen etc. bestimmt ist.

Und dabei definieren wir neu, wie Angst überwunden werden kann. Ich merke immer wieder, wie mich die Menschenfurcht in den Griff nehmen möchte. Das zu erkennen, zu bearbeiten und direkt ins Auge zu sehen, wie ich diese Furcht positiv nutzen kann, ist für mich der Gamechanger.

6. Scheitern geht oft nicht ohne Fehler einher. Nicht immer klappt alles sofort und führt zu Kritik. Wie können Führungskräfte eine gesunde Fehlerkultur in ihren Teams oder Unternehmen entwickeln?

Eine gesunde Fehlerkultur muss vom Chef bzw. Chefin ausgehen. Nicht nur ein Zitieren der Kultur, sondern ein Ausleben dessen. Wie anders wäre es, wenn unsere Chef:innen diejenigen wären, die sich als Erstes für Fehler entschuldigen könnten, ohne diese zu vertuschen oder die Fehler anderen unterzujubeln?

Ebenso entscheidend ist es, ob Fehler machen und daraus lernen ein wichtiger Wert in einem Unternehmen ist. Wird darüber geredet? Werden Fehler analysiert? Gibt es Wege, Vorschläge einzubringen und Raum, Ideen auszuprobieren?

Dafür braucht es angstfreies Arbeiten und wenn Kritik angebracht ist, diese persönlich mitzuteilen, so dass niemand bloßgestellt wird.

7. Abschließend: Wie definierst du für dich persönlich „Erfolg“ und „Erfüllung“?

Erfolg ist für mich, Menschen bedingungslos anzunehmen und in sie zu investieren, egal, was ich davon haben werde. Bei meiner Definition habe ich mich bewusst gegen numerische Zahlen entschieden sondern für meine Lebensvision.

Erfüllung bedeutet für mich, in meiner mir anvertrauten Berufung zu leben und aus dem Vollen zu schöpfen. Ein erfülltes Leben ist für mich sinnhaft und sinngebend, um anderen Menschen ein Segen zu sein. Das heißt nicht, dass ich keinen Mangel verspüre, aber ich gebe diesem keinen Raum, Macht über mich zu haben. Ich bin dankbar für das, was ich habe.

Bonusfrage: Wo siehst du aktuell im Digital Marketing oder auch darüber hinaus Entwicklungen, die Unternehmen wohlmöglich zum Scheitern bringen werden? Welchen Rat würdest du den Verantwortlichen mitgeben?

Digital Marketing ist großartig und bietet viele Möglichkeiten. Es birgt aber auch die Quelle zur Manipulation und Meinungsmache. Wie viel Geld dabei in welche Richtungen fließt, bestimmt oft den Ausgang des Markenanteils und der damit einher gehenden Beeinflussung.

Die Cancel Culture kann innerhalb von Stunden einem Unternehmen schaden und Fake News werden zu wahren News, weil die Masse und nicht die Wahrheit entscheidet.

Jens Altmann

Seit über 20 Jahren ist Jens Altmann im Bereich des Software Engineering tätig. Als Chapter Lead und Technology Engineer Evangelist berät und unterstützt er Firmen bei der Umsetzung von IT Projekten. Sowohl Planung, MVP-Erstellung oder Teamaufbau und Führung gehören zu seinen täglichen Themen. Sein besonderer Fokus liegt auf Datenverarbeitung, Software Architektur, sowie Infrastruktur und Security. Als Interim CTO und Entrepreneur hat er eine Reihe von Firmen mit aufgebaut und unterstützt diese bei ihrem Wachstum.

Die 7 Antworten von Jens Altmann lesen

1. Welches Buch, Blog oder Podcast hat dich für die Themen Leadership und Unternehmertum positiv geprägt und würdest du weiterempfehlen?

Ich lese praktisch keine Bücher zu dem Thema. Es gibt eine Reihe von Podcasts, die ich höre, aber keinen davon explizit wegen bestimmten Inhalten, sondern eher wegen der Inspiration und um unterschiedliche Blickwinkel in meine Betrachtung auf Aufgaben mit einfließen zu lassen.

Aus diesem Grund würde ich auch ein Buch empfehlen, das oberflächlich so wenig mit Business zu tun hat wie Eis und Feuer. Es handelt sich um das Buch Die Kunst des guten Lebens: 52 überraschende Wege zum Glück von Rolf Dobelli. Es schafft durch seine Inhalte eine gewisse Resilienz, aber auch Demut zu schaffen. Eigenschaften, die vielen Führungspositionen auch heute noch fehlen.

2. Du bist schon mal mit einem Business gescheitert. Magst du uns beschreiben, was dir wiederfahren ist und wie es dazu kommen konnte?

Eine Reihe von Projekten und Businesses sind im Laufe der letzten 20 Jahre gescheitert. Oftmals sind es aber genau die Projekte, in denen man am meisten gelernt hat. Projekte sind erfolgreich geworden, weil man in vorherigen Projekten Erfahrung gesammelt hat.

Das wohl größte Business, das nicht so erfolgreich war wie geplant, war Patronus.io – eine Cyber Security Software as a Service Solution. Für diese hatte ich als Prototyp einen Algorithmus entwickelt, der Schwachstellen im Code von Webseiten identifizieren kann. Das Produkt funktionierte ziemlich gut und wir konnten uns über Investor:innen einen siebenstelligen Betrag an Finanzierung sichern. Leider war der Zielmarkt nicht bereit die zusätzlichen Kosten zu zahlen und wir haben zu lange an diesem Zielmarkt festgehalten. In der Theorie hat in der Firma alles gepasst. Im Gründerteam gab es Erfahrung im Sales, Marketing und in der Entwicklung. Wir hatten alle eine ähnliche Vision, aber am Ende waren es die Details, die dafür sorgten, dass wir uns am Markt nicht etablieren konnten und die Assets veräußert haben.

Wir sind entsprechend den Erwartungen der Investoren zu schnell gewachsen. Ein langsames und gesundes Wachstum hätte eine Basis für eine sehr lukrative Firma bedeutet, aber durch den Wachstumsdruck in einem sehr relevanten Bereich war die wirtschaftliche Betrachtung der Unternehmung nicht nachhaltig.

3. Welche persönlichen Konsequenzen hat(te) das Scheitern für dich und durch welche Achterbahn der Gefühle bist du gegangen? Was hat dir geholfen, wieder aufzustehen und nach vorn zu schauen?

Für mich hatte die Abwicklung der Firma keine Konsequenzen. Es war ein lehrreicher Prozess und als diesen habe ich die Firma die ganze Zeit betrachtet. Ich habe in der Zeit mit vielen sehr talentierten Menschen zusammengearbeitet, mit denen ich mich auch heute noch sehr regelmäßig austausche und deren Kontakte ich pflege. Es wäre abwegig zu denken, dass man mit jeder Idee und jedem Projekt Erfolg hat. Wenn man dies verinnerlicht, dann kann man Entscheidungen freier treffen.

4. Bereust du den Schritt, den du damals gegangen bist, oder bist du eher dankbar für die damit einhergehenden Erfahrungen? Welche Learnings nimmst du mit und hast du heute weniger Angst zu scheitern?

Den Schritt bereue ich auf gar keinen Fall. Der Einsatz hat sich gelohnt und die Erfahrung hat sich um ein Vielfaches bezahlt gemacht. Meine wichtigsten Learnings sind, dass ich für mich gelernt habe, dass es wichtig ist, die Verantwortungshoheit zu besitzen. Entscheidungen müssen getroffen werden und in einem Team sind Entscheidungsfindungsprozesse ein zäher Prozess, bei dem meistens ein Kompromiss statt eines Konsens getroffen wird. Dies führt dazu, dass niemand die Verantwortung übernimmt. Lieber treffe ich anhand der vorhandenen Parameter eine Entscheidung und korrigiere ggf. diese später, statt mich in eine Rechtfertigungsspirale zu begeben.

5. Scheitern wird in Deutschland oft stigmatisiert. Woran liegt das deiner Meinung nach? Warum tun Menschen alles dafür, nicht zu scheitern und wie kann man die Angst vorm Scheitern überwinden?

Ich glaube, es liegt einfach an dem Konkurrenzdenken. Wettkämpfe prägen unser Bild und selbst zweite Plätze werden als Niederlage gewertet. Darum gibt es viele Menschen, die lieber einen Chance vorbeiziehen lassen, statt sie zu ergreifen. Es ist wichtig, dass jede:r für sich klar macht, ob man sich mit anderen messen lassen möchte oder nicht. Es wird immer jemanden geben, der etwas besser macht, schnell war oder ähnliches. Es ist wichtig, dass man Dinge aus der richtigen Motivation heraus macht. Dann gibt es praktisch kein Scheitern.

6. Scheitern geht oft nicht ohne Fehler einher. Nicht immer klappt alles sofort und führt zu Kritik. Wie können Führungskräfte eine gesunde Fehlerkultur in ihren Teams oder Unternehmen entwickeln?

Ich trenne Kritik in zwei Bereiche: die Manöverkritik und die persönliche Kritik. Persönliche Kritik zum Beispiel über Entscheidungen sollte immer in einem Vier-Augen-Gespräch stattfinden. Es geht um einen respektvollen Umgang und nicht um das Bloßstellen eines/einer Einzelnen.

Bei der Manöverkritik sollte man sich die jeweiligen Positionen im Team anhören und besprechen. Oftmals haben die unterschiedlichen Parteien einen differenzierten Wissensstand. Niemand macht absichtlich einen Fehler. Oftmals entstehen Fehler durch unterschiedliche Kenntnisse der Situation oder stellen sich erst später als Fehler heraus. Es ist wichtig zu erläutern, warum zum Zeitpunkt der Entscheidung die Handlung nachvollziehbar war und zu ergründen, an welchem Punkt sich diese Entscheidung als Fehler herausgestellt hat. Aus solchen Analysen kann man abstrakt ableiten, wie man zukünftig ähnliche Probleme vermeidet. So hilft man allen und stärkt die Kommunikation im Team.

7. Abschließend: Wie definierst du für dich persönlich „Erfolg“ und „Erfüllung“?

Erfüllung ist für mich jeden Tag das zu tun, was ich liebe und Erfolg ist es, wenn ich dies mit anderen Menschen teilen und sie dazu befähigen kann.

Bonusfrage: Wo siehst du aktuell im Digital Marketing oder auch darüber hinaus Entwicklungen, die Unternehmen wohlmöglich zum Scheitern bringen werden? Welchen Rat würdest du den Verantwortlichen mitgeben?

Ganz häufig komme ich in Unternehmen, die sich auf gänzlich falsche Daten stützen oder diese einfach ignorieren. Der Werte Kollege Kevin Indig hat es so passend ausgedrückt: “Eine Metrik ist nutzlos, wenn eine Veränderung zu keiner Handlung führt”.

Vielen geht es darum, einfach Metriken zu messen und Daten zu sammeln, damit sie irgendetwas getan haben. Man verliert dann seinen Handlungsspielraum und wird zum/zur reinen Beobachter:in. Man handelt nur noch reaktiv und wird mit der Zeit seinen Fokus verlieren.

Erfolg ist immer nur eine Momentaufnahme und entsprechend vergänglich.

Ann-Kathrin Reitmeyer

Head of Content & Digital Learning bei Serlo

Ann-Kathrin Reitmeyer ist seit bald 10 Jahren im Online Marketing mit Fokus SEO unterwegs. Aktuell ist sie Head of Content & Digital Learning bei Serlo e.V. und hat zuvor das Organic Growth Department bei StudySmarter geleitet. Führung bedeutet für Ann-Kathrin Verantwortung für die Menschen im Team zu übernehmen, positive Beziehungen aufzubauen und vor allem auch eine regelmäßige und intensive Auseinandersetzung mit sich selbst. Darüber hinaus beschäftigt sich Ann-Kathrin mit den Themen Mental Health, einem positiven Wandel unserer Arbeitswelt, ist Speakerin und sportvernarrt.

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1. Welches Buch, Blog oder Podcast hat dich für die Themen Leadership und Unternehmertum positiv geprägt und würdest du weiterempfehlen?

Zuletzt habe ich Think Again von Adam Grant gelesen und kann das Buch absolut jeder Führungskraft (aber auch allen anderen) ans Herz legen. Tatsächlich passt das Buch auch sehr gut zum Thema “Scheitern” und wie wir konstant lernen können uns weiterzuentwickeln, statt uns zu verurteilen und zu schämen. Adam Grant plädiert für ein “Scientist”-Mindset, das es uns erlaubt, unsere Ansichten regelmäßig zu challengen und offen mit uns selbst und anderen umzugehen.

2. Du bist schon mal mit einem Business gescheitert. Magst du uns beschreiben, was dir wiederfahren ist und wie es dazu kommen konnte?

In meinem Fall bin ich nicht mit einem Business gescheitert, sondern viel mehr an mir selbst und den äußeren Umständen. Seit ich das erste Mal mit SEO in Berührung kam, waren mir meine Ziele absolut klar. Ich war von Anfang an beeindruckt von den “SEO-Urgesteinen” (wir wissen alle, wer damit gemeint ist ;)), ich wollte genauso viel Wissen und Erfahrung sammeln und auch auf den großen Konferenzen sprechen.

Als ich im Juli 2021 bei StudySmarter angefangen habe, habe ich die große Chance gesehen, SEO und alles darum herum aufzubauen und mitzugestalten. Damals war im Unternehmen das Motto “hyper-growth”, alles ist wahnsinnig schnell gegangen, in kürzester Zeit wuchs StudySmarter von unter 100 Mitarbeiter:innen auf mehr als 500 und auch unser Organic Traffic ist durch die Decke gegangen. So eine Wachstumsphase verlangt einem viel ab. Schließlich hat sich dieses Wachstum leider auch wieder umgekehrt und es fanden erste Layoffs statt.

Ich habe es während des starken Wachstums kaum geschafft, mir Zeit zu nehmen, zu reflektieren und tatsächliche Pausen einzulegen. Was mit der Zeit jedoch immer lauter wurde, war ein Wertekonflikt, was das Führen von Menschen und die Wertschätzung von Mitarbeiter:innen angeht. Auch kam mir immer wieder der Gedanke, dass Wachstum nur um des Wachstums willen ein Selbstzweck ist, der den Mitarbeitenden in einem Unternehmen durchaus auch schaden kann. Mit den ersten Layoffs Menschen aus dem eigenen Team gehen lassen zu müssen, die man selbst angeworben und eingearbeitet hatte, war wie einen Turm umzuschmeißen, den man mühevoll aufgebaut hat.

Ab diesem Zeitpunkt setzte bei mir immer größere Erschöpfung ein, die Diagnose: Erschöpfungsdepression (Burnout). Es hat von da an noch Monate gedauert mir einzugestehen, dass die Energie nicht einfach plötzlich wieder kommen würde. Ich habe dann meine Position bei StudySmarter abgegeben – ohne Plan B. Für mich war das ein riesiges Scheitern, vor allem weil es sich wie das Ende angefühlt hat von meinen großen “SEO-Karriere-Plänen”.

3. Welche persönlichen Konsequenzen hat(te) das Scheitern für dich und durch welche Achterbahn der Gefühle bist du gegangen? Was hat dir geholfen, wieder aufzustehen und nach vorn zu schauen?

Die Konsequenzen lagen für mich in erster Instanz darin, dass ich keine Energie und vor allem keine Motivation mehr hatte. Das hat sich vor allem auch auf mein Umfeld ausgewirkt, Freund:innen und Familie. Die Erschöpfung bezieht sich ja dann nicht mehr nur auf den Job, sondern auch auf private Aktivitäten. Mich hat das “Aufgeben” vor allem auch dazu bewegt, mich praktisch vollständig zu hinterfragen: “Will ich überhaupt noch SEO machen?”, “Bin ich doch nicht so stark?”, „Was, wenn ich mich jetzt für immer so fühle?”. Vor allem habe ich mich auch dafür verurteilt, dass ich es überhaupt so weit habe kommen lassen. Dass ich teilweise auch entgegen meiner Werte gehandelt habe. Das hilft natürlich erstmal nicht weiter.

Was mir schlussendlich geholfen hat, war eine Kombination aus verschiedenen Dingen: Zunächst einmal war das „Scheitern“ die erste notwendige Maßnahme, denn nur so konnte ich den Pause-Knopf drücken und wirklich Abstand gewinnen. Weiter geholfen hat mir eine Therapie und damit verbunden ein intensives Auseinandersetzen mit mir selbst. Und so banal es klingt: Intensiver Sport, bei dem ich mich auspowern konnte. Was stattgefunden hat, war ein Realignment mit mir selbst. Das war notwendig, um wieder neue Energie zu tanken, es bleibt aber auch ein fortwährender Prozess.

4. Bereust du den Schritt, den du damals gegangen bist, oder bist du eher dankbar für die damit einhergehenden Erfahrungen? Welche Learnings nimmst du mit und hast du heute weniger Angst zu scheitern?

Heute kann ich klar sagen: Nein, das bereue ich nicht. Es war ein ganz wichtiger Schritt für mich, mir einzugestehen, dass hier einfach eine Grenze erreicht war. Dennoch wünsche ich mir manchmal, ich hätte es nicht so weit kommen lassen. Learnings hatte ich unglaublich viele durch diese Erfahrung, die folgenden würde ich aber als die relevantesten bezeichnen:

  • Ich achte besser auf meine Grenzen und meine Wertvorstellungen. Man kann auch einen sehr guten Job machen und eine sehr gute Führungskraft sein, ohne mental 24/7 beim Job zu sein. Das ist sogar eher ein schlechtes Vorbild für das Team.
  • Ich vertraue mehr auf mein Bauchgefühl, wenn es um die Zusammenarbeit mit Menschen geht. Für die mentale Gesundheit ist unser Umfeld ein wahnsinnig großer Einflussfaktor. Vor allem als Führungskraft hat man einen großen Einfluss auf die mentale Gesundheit des Teams.
  • Ja, wir wünschen uns alle Anerkennung von außen (und das ist auch normal und muss nicht verteufelt werden), dennoch ist es wahnsinnig wichtig, auch Wert aus sich selbst schöpfen zu können. Nur dann, kann ich wirklich auch meine eigenen Energiereserven achten und auch einmal “Nein” sagen, selbst wenn etwas noch so toll im Außen klingen würde.

Mein Blickwinkel auf das Scheitern hat sich durchaus stark verändert. Vor allem dadurch, dass ich gelernt habe: “Scheitern bezieht sich auf ein Projekt, nicht auf dich als Mensch.”

5. Scheitern wird in Deutschland oft stigmatisiert. Woran liegt das deiner Meinung nach? Warum tun Menschen alles dafür, nicht zu scheitern und wie kann man die Angst vorm Scheitern überwinden?

Aus meiner Perspektive beginnt das leider schon ganz früh in der Schule. Kinder sind von Natur aus neugierig, probieren Dinge aus und lernen so Neues. Sie gewinnen Selbstvertrauen, indem sie Selbstwirksamkeitserfahrungen machen. Mit Beginn der Schulzeit wird dieser Anteil weniger, wir werden reduziert auf Noten und lernen hauptsächlich für Tests, weniger für die Erfahrung oder ein tatsächliches Erlernen. Der Fokus verschiebt sich auf Schwächen-Orientierung statt Stärkenorientierung. Es wird nicht gefördert, worin man sehr gut ist, sondern beharrt auf den Dingen, in denen man nicht gut genug ist. Nach dem Motto “Wenn du nicht in allem sehr gut bist, dann machst du etwas falsch.” Ich erinnere mich noch gut, dass es auch bei vielen Eltern im Zeugnis nicht darum ging, die 10 sehr guten Noten zu loben, sondern nachzubohren, warum es in einem Fach denn “nur eine 3” ist. Wir lernen also: vermeintliches Scheitern bedeutet Ablehnung, oft von den Menschen, von denen uns Anerkennung am wichtigsten ist.

Die Angst vor dem Scheitern zu überwinden kann aus meiner Perspektive für mich auf verschiedenen Ebenen stattfinden:

  • An der eigenen Wahrnehmung und Einstellung arbeiten. Man kann sich z.B. fragen “Wie reagiere ich, wenn jemand anderes scheitert?” Aus dieser Antwort lerne ich schon viel über meine eigene Einstellung dazu.
  • Sich ein Netzwerk aufbauen, dass einem Sicherheit gibt und auch beim “Scheitern” weiterhin unterstützt, statt abzulehnen.
  • Dinge mit einem “explore”-Mindset angehen: “Ich probiere etwas aus”, statt “Ich mache das jetzt und es muss funktionieren”.

6. Scheitern geht oft nicht ohne Fehler einher. Nicht immer klappt alles sofort und führt zu Kritik. Wie können Führungskräfte eine gesunde Fehlerkultur in ihren Teams oder Unternehmen entwickeln?

Ich denke hier lautet das Stichwort “psychologische Sicherheit” und das ist nicht nur die Führungsaufgabe im Team, sondern in der gesamten Unternehmenskultur. Diese herzustellen ist natürlich kein “one-time” Task, sondern eine fortlaufende Aufgabe. Als Führungskraft habe ich persönlich die Erfahrung gemacht, dass es hilft, sich auch selbst verletzlich und authentisch zu zeigen, auch mal offen zuzugeben “Hey Mist, das ist mir durch die Lappen gegangen” oder “Die Strategie für diesen A/B-Test ist nicht aufgegangen, obwohl ich mir so sicher war.”

Grundsätzlich (das denke ich ist uns aber allen klar) reicht es nicht zu sagen “Wir haben eine tolle Fehlerkultur”, sondern wirklich zu erfahren, was das bedeutet. Mitarbeiter:innen müssen eine positive Erfahrung damit machen, wenn ein Fehler passiert oder andere einen Fehler machen. Dabei soll natürlich kein Freifahrtschein für unachtsames Arbeiten entstehen, aber wenn ich sehe, dass meine Führungskraft mir hilft zu verstehen, warum der Fehler passiert ist, empathisch ist und eventuelle Konsequenzen mit mir korrigiert, dann haben wir eine gemeinsame Lernerfahrung und manchmal entsteht daraus sogar eine Prozessverbesserung, von der alle profitieren.

7. Abschließend: Wie definierst du für dich persönlich „Erfolg“ und „Erfüllung“?

Für mich war Erfolg lange gleichbedeutend mit einem bestimmten Titel, Abschlüssen und vor allem auch wie andere auf den eigenen Lebenslauf blicken. Das ist sicher auch ein Grund, warum ich letztlich eine Grenze erreicht habe. Heute versuche ich meinen Erfolg und Erfüllung eher darin zu finden, dass ich morgens gerne aufstehe, weil ich grundsätzliche Zufriedenheit mit meinem Alltag erreicht habe, in dem Selbstbestimmung auch eine sehr große Rolle spielt. Dazu kommt Erfolg in einer Aufgabe als Führungskraft, wenn das Team eine positive Zusammenarbeit mit mir erfährt, sich bestärkt und gefördert fühlt. Wenn also jemand in ein paar Jahren sagt: “Mit der Ann-Kathrin habe ich gern zusammengearbeitet, sie hat mich inspiriert / weiterentwickelt / gefördert”, dann erfüllt mich das und dann ist das Erfolg!

Bonusfrage: Wo siehst du aktuell im Digital Marketing oder auch darüber hinaus Entwicklungen, die Unternehmen wohlmöglich zum Scheitern bringen werden? Welchen Rat würdest du den Verantwortlichen mitgeben?

“It’s a marathon not a sprint” – Ich denke viele Unternehmen / Unternehmer stürzen sich nach wie vor gerne auf Maßnahmen, die vor allem auf kurzfristigen Erfolg ausgerichtet sind. Derweil gibt es vor allem im Digital Marketing viele Maßnahmen, von denen wir erst längerfristig profitieren. Sprich: es fehlt an vielen Stellen meiner Meinung nach noch immer ein Nachhaltigkeits-Gedanke. Meiner Erfahrung nach passiert es dann auch schnell, dass Synergie-Effekte verschiedener Kanäle unterschätzt werden und dann Zeit verloren geht, um organische Kanäle aufzubauen.

Bernd Kiesewetter

Bernd Kiesewetter ist erfahrener Unternehmer, mehrfacher Buchautor, Vortragsredner und Mentor vieler erfolgreicher Unternehmer, Spitzensportler und Führungskräfte und anderer starker Persönlichkeiten. Er gilt als „Berlins Erfolgscoach Nr. 1“ (98.2 Radio) und ist als „Coaching-Experte“ gern gesehener Gast in Radio, Fernsehen und der Presse (88.8 Radio, RBB, WELT, Tagesspiegel, Capital uvm.).

Seit 38 Jahren ist er erfolgreicher Unternehmer und kam von der Sozialversicherung über die Finanzindustrie zu 7 Firmen verschiedenster Branchen mit über 150 Mitarbeitern gleichzeitig. Sein Weg brachte ihm reichlich Erfolge, aber auch viele Niederlagen, Schicksalsschläge und tiefe Krisen. Wie Phönix aus der Asche wiederaufzuerstehen, das ist sicher eine seiner herausragendsten Eigenschaften. Dabei wurde das Thema Verantwortung zu seiner Mission und so verhilft er heute Menschen und Organisationen zu einem neuen Bewusstsein, um an den richtigen Stellen und im richtigen Maß zu übernehmen.

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1. Welches Buch, Blog oder Podcast hat dich für die Themen Leadership und Unternehmertum positiv geprägt und würdest du weiterempfehlen?

Ich würde jedem empfehlen sich mit Lebenserinnerungen von Benjamin Franklin auseinanderzusetzen. Es ist kein klassisches Unternehmerbuch, aber es enthält die Anleitung zu einem erfolgreichen Leben, mit den echten Herausforderungen der Praxis und für die Entwicklung unserer Persönlichkeit. Für im Verkauf tätige Menschen empfehle ich Lebe begeistert und gewinne von Frank Bettger, jungen Führungskräften empfehle ich für den richtigen Einstieg gern den 1 Minuten Manager von Kenneth Blanchard, das auch erfahrene Leader an die Einfachheit der Führungsaufgabe erinnert.

2. Du bist schon mal mit einem Business gescheitert. Magst du uns beschreiben, was dir wiederfahren ist und wie es dazu kommen konnte?

Ich bin schon mehrfach gescheitert, aber was heißt das eigentlich?! Ein angestrebtes Ziel nicht zu erreichen und keinen Erfolg zu haben, das gehört doch zum Erfolg dazu und passiert damit, zumindest vorübergehend, jedem, der nach Erfolg strebt. Zugegeben, es muss nicht immer so dramatisch sein, wie bei mir.

Hier gerne ein zwei Beispiele aus meinem Leben: Ich war mehrfach pleite und durfte tatsächlich auch mal erleben, wie schön es sein kann, Pfandflaschen zu besitzen, um etwas zu essen zu kaufen. Das war z.B. in jungen Unternehmerjahren und da wurde aus einer gutgemeinten Unterstützung plötzlich meine eigene Krise. Ich konnte nicht mitansehen, wie zwei meiner zu der Zeit mal gerade nicht so erfolgreichen Vertriebsmitarbeiter ein schlechtes Weihnachten feiern müssen, weil sie kein Geld hatten. Nach den nicht unerheblichen Vorschusszahlungen machten sie sich aus dem Staub und warben anschließend noch meine Kunden ab. An der falschen Stelle zu vertrauen brachte mich noch öfter in Schwierigkeiten, das vorletzte Mal kostete es finanziell tatsächlich alles, was ich hatte. Und das war zu dem Zeitpunkt nicht ganz wenig.

Eigentlich hatte mein Scheitern auch immer damit zu tun, dass ich als junger Mann in der Selbstständigkeit richtig pleite ging. Dieses negative „Fundament“ erschwerte mein Streben enorm.

Ein weiteres vorübergehendes Scheitern war meine über 6-jährige Cocaethylensucht, die Sucht nach Kokain in Verbindung mit Alkohol. Sie entstand im Wesentlichen durch Neugier, Konfliktscheue, übertriebener Suche nach Spaß und Freude und aus Frustration.

3. Welche persönlichen Konsequenzen hat(te) das Scheitern für dich und durch welche Achterbahn der Gefühle bist du gegangen? Was hat dir geholfen, wieder aufzustehen und nach vorn zu schauen?

Die Konsequenz aus meinen frühen finanziellen Fehlschlägen war ein enormer Mehraufwand. Damals bekam man nicht einmal ein Konto, wenn die Schufa schlecht war. Meine Beziehungen litten extrem unter dem wirtschaftlichen Druck und aus der Not heraus enttäuschte ich viele Menschen, sogar meine eigenen Eltern. Wir haben 2 Dinge geholfen: Aufgeben war keine Option für mich und ich hatte die feste Überzeugung, dass ich es schaffen werde. In schwierigen Situationen habe ich immer noch mehr und noch konzentrierter gearbeitet, das allein hat sehr viel ausgemacht.

4. Bereust du den Schritt, den du damals gegangen bist, oder bist du eher dankbar für die damit einhergehenden Erfahrungen? Welche Learnings nimmst du mit und hast du heute weniger Angst zu scheitern?

Ich habe nie einen Schritt bereut, wohl auch deshalb, weil es keine Zweck hätte, außer sich selbst niederzumachen oder sich zu bedauern. Das lag mir nie, die Opferrolle war schon immer ein Nogo für mich. Ich habe immer versucht aus den Dingen etwas zu lernen und ihnen im Nachhinein einen Sinn zu geben. Dankbar kann ich für manchen Blödsinn, den ich veranstaltete, kaum sein. Aber ich bin dankbar dafür, all das überstanden und bewältigt zu haben. Ich bin sehr dankbar dafür, dass mein Körper, mein Verstand und meine Seele das ausgehalten haben und ich immer wieder neue Chancen bekam.

5. Scheitern wird in Deutschland oft stigmatisiert. Woran liegt das deiner Meinung nach? Warum tun Menschen alles dafür, nicht zu scheitern und wie kann man die Angst vorm Scheitern überwinden?

Es ist eine Bewusstseinsfrage. Achtung: Die wenigsten Menschen wollen wirklich ernsthaft erfolgreich sein. Wenn sie es wären, wären sie auch bereit einen Preis dafür zu zahlen. Das sind sie aber nicht. Ihnen ist Ihre Bequemlichkeit, Ihr schnelles Vergnügen und die scheinbare Sicherheit wichtiger. Scheitern zu verurteilen, ist also eine Art sich selbst zu beruhigen, dass sich der Aufwand nicht lohnt und der eigene Weg richtig ist.

Jede:r, der nach Erfolg strebt, muss sich bewusst sein, dass er/sie scheitern wird. Es ist völlig ausgeschlossen erfolgreich zu werden, ohne zu scheitern. Wir dürfen dem Wort nicht so viel negatives Gewicht geben. Es geht um Versuche. Ich habe zwar gelernt, dass ein Versuch nichts zählt, sondern nur das Ergebnis, aber wir bekommen kein neues Ergebnis, ohne den Versuch. Was also ist die Alternative zum Scheitern? Sich nicht bewegen? Stell ich mir langweilig vor!

6. Scheitern geht oft nicht ohne Fehler einher. Nicht immer klappt alles sofort und führt zu Kritik. Wie können Führungskräfte eine gesunde Fehlerkultur in ihren Teams oder Unternehmen entwickeln?

Auch das ist wieder eine Bewusstseinsfrage. Fehler zu machen gehört einfach dazu. Wer viel macht, macht viele Fehler. Insofern ist es erstrebenswert viele Fehler zu machen. Es darf allerdings nicht Entschuldigung dafür sein, sich vorher nicht genug Gedanken gemacht, schlecht geplant oder leichtfertige Entscheidungen getroffen zu haben. Wie alles bleibt es ein schmaler Grat und gehört individuell und differenziert betrachtet zu werden. Diese Art mit Fehlern umzugehen und das richtige Maß zu finden, erfordert ständige Aufmerksamkeit, Kontrolle und Anpassung, also ein stetiges Training.

7. Abschließend: Wie definierst du für dich persönlich „Erfolg“ und „Erfüllung“?

Echter Erfolg kann nur sein, wenn alle Lebensbereiche im Einklang miteinander sind und nach den eigenen persönlichen Bedürfnissen in den einzelnen Bereichen erfüllt sind. Oder sie sind auf dem Weg, Erfüllung zu finden. Erfüllung heißt dabei nichts weiter, als dass diese Bereiche voll sind. Voll befriedigt und voll von guten Dingen, die uns Energie geben, Freude bereiten und uns glücklich machen. Echter Erfolg ist für mich Lebensglück.

Bonusfrage: Wo siehst du aktuell im Digital Marketing oder auch darüber hinaus Entwicklungen, die Unternehmen wohlmöglich zum Scheitern bringen werden? Welchen Rat würdest du den Verantwortlichen mitgeben?

Auch hier ist es nicht ganz einfach das richtige Maß zu finden. Ich beobachte, dass das digitale Marketing entweder gnadenlos überbewertet oder unterbewertet wird. Entweder machen die Beteiligten nichts anderes oder sie nutzen es kaum bis gar nicht. Wie immer liegt irgendwo in der Mitte die Wahrheit.

Es ist heute nicht mehr wegzudenken und es wird auch in Zukunft ein wesentlicher Bestandteil sein, um ein Unternehmen erfolgreich zu führen. Denn mit dem digitalen Marketing ist vieles möglich und vieles einfacher geworden, einiges sogar in absolut rasanter Geschwindigkeit.

Vieles ist aber auch wertloser geworden, denn immer mehr Marketing steht immer weniger Inhalt und Qualität gegenüber. Die Anbieter und Profis des digitalen Marketings wurden verleitet immer schnell und immer mehr Erfolg zu generieren, ohne dass die Wertigkeit auch nur ansatzweise gesteigert wurde. Im Gegenteil: Es geht heute mehr denn je ums Verkaufen. Und so vergeben wir Preise und Awards an Menschen, die für Sichtbarkeit sorgen, anstatt sie Leuten zu überreichen, die die Inhalte gestalten. Ein weiteres Problem in Sachen Werteverfall unserer Gesellschaft.

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