Viele Freelancer:innen, aber auch Gründer:innen und Geschäftsführer:innen aufstrebender Unternehmen stehen in der Gefahr, sich in einem “Owner’s Business Dilemma” zu befinden. In diesem befinden sich Menschen, die selbst ihre wichtigste Schlüsselressource und gleichzeitig ihr wichtigster Vertriebskanal sind. Dies gilt insbesondere dann, wenn ein Geschäftsmodell zugrunde liegt, bei dem Zeit gegen Geld getauscht wird. Wer das Ziel hat, sein Business zu vergrößern oder gar zu verkaufen, wird nicht drum herumkommen, hier Grundlegendes zu ändern.

Grundsätzlich ist ja nichts schlecht daran, wenn sich Gründer:innen einen Namen aufgebaut haben und gefragt sind. Eine gute Reputation hilft dabei, sich aus einer Vielzahl an Anfragen die für einen attraktiveren Aufträge herauszupicken und/oder die eigenen Stundensätze zu erhöhen. Dennoch ist Zeit ein limitierender Faktor, so dass Geschäftsmodelle, die größtenteils an einer oder wenigen Person:en hängen, nicht wirklich skalierbar sind.

Michael E. Gerber hat dazu ein passendes Zitat geprägt, was jeder Führungskraft zu denken geben sollte, die sich womöglich in einem Owner’s Business Dilemma befindet: „If your business depends on you, you don’t own a business – you have a job. And it’s the worst job in the world, because you’re working for a lunatic.“

In meinen Augen gibt es grundsätzlich zwei Möglichkeiten, um dem Owner’s Business Dilemma zu begegnen:

 

1. In Genügsamkeit und Dankbarkeit üben

Das Owner’s Business Dilemma geht von der Annahme aus, dass ein Business immer das Ziel haben muss, größer und erfolgreicher zu werden. Die berechtigte Frage hierbei ist nur, ob dies für jede:n Freelancer:in oder jede:n Gründer:in immer das alleinige Ziel sein muss. Glück und Erfolg muss nicht zwangsläufig mit Skalierung einhergehen. Manchmal kann weniger für einen persönlich eben auch mehr bedeuten.

Wichtig ist es hierbei nur, dass man sich hierüber grundlegend im Klaren ist. Beim OMT Agency Day habe ich mich mit einem Gründer und Geschäftsführer unterhalten, der zusammen mit seinem Team definiert hat, dass sie gern die Anzahl der Mitarbeiter:innen auf max. 10 begrenzen wollen, damit die freundschaftlich/familiäre Kultur weiterhin erhalten bleibt und jede:r der Dinge nachgehen kann, die er oder sie mag. Ich denke, dass auch viele Freelancer:innen mit ihrem bisherigen Setup mehr als zufrieden sind.

Dies ist in meinen Augen nur möglich, wenn man zutiefst dankbar und genügsam über die zur Verfügung stehenden Mittel und Möglichkeiten ist und es gleichzeitig schafft, sein Know-how up-to-date zu halten und nicht aufgrund fehlender Wachstumsambitionen bequem und faul wird. Ist dies der Fall, liegt nur theoretisch ein Owner’s Business Dilemma vor.

 

2. Loslassen und unternehmerisch handeln

Wenn man hingegen Wachstumsamvitionen hat und merkt, dass das Business stark von einem selbst abhängt, dann gilt es dem zunehmenden Owner’s Business Dilemma zu entfliehen. Im Vordergrund steht hierbei die Frage, wie man das Unternehmen zukünftig so aufbauen kann, dass das Business unabhängig der Gründer:innen und Geschäftsführer:innen skalieren kann.

Zum Teil bin ich hierauf auch schon in meinem Artikel Wahre Führungskräfte sind keine Held:innen eingegangen. Darüber hinaus muss man nach meinem Verständnis ansonsten noch in die beiden folgenden Richtungen denken:

  • Verantwortung abgeben: Zum Einen gilt es zu prüfen, wie man seine Organisationsstruktur so verändern kann, dass Verantwortlichkeiten auf mehrere Schultern verteilt werden können. Damit einher geht, dass man als Verantwortliche:r lernen muss zu delegieren und sein Aufgabenfeld neu zu definieren. Das ist mitunter nicht immer einfach. Grad für unerfahrene und gleichzeitig in ihrem Fachgebiet versierte Gründer:innen kann es hier aber nützlich sein, auf externes Coaching zurückzugreifen oder gar einen operativ leitenden Geschäftsführer (COO) mit an Board zu holen.
  • Geschäftsmodell ändern: Unabhängig von strukturellen Veränderungen ist es sinnvoll, das eigene Businessmodell kritisch zu durchleuchten. Der Tausch von Zeit gegen Geld ist per se ein begrenzt skalierbares Businessmodell. Hier macht es eher Sinn zu prüfen, ob man nicht besser zusätzlich eigene Tools, Schulungsinhalte o.ä. entwickeln und in Form eines Monatsabonnements verkaufen sollte. Dies definiert nochmal ein anderes Geschäftsmodell, was meist unabhängig von den Gründer:innen und Geschäftsführer:innen skalieren kann. Alternativ macht es ggf. auch Sinn zu überlegen, inwiefern man einzelne repetitive Aufgaben standardisieren oder gar (teil)automatisieren kann, um diese dann letztlich als Fixpreis-Angebote verkaufen zu können. Welche Lösungen einem hier auch immer in den Sinn kommen: Je mehr man Skaleneffekte unabhängig von einzelnen Ressourcen schaffen kann, desto besser.

 

Nützliche Reflexionsfragen, auch für Nicht-Gründer:innen

Aber nicht nur Gründer:innen sollten sich Gedanken darüber machen, inwiefern sie durch ihre Führung Abhängkeiten forcieren und damit potenziellem Wachstum im Weg stehen. Führungskräfte jeder Ebene müssen aufpassen, dass sich nicht zu viel um sie selbst dreht. Um sich hier selbst zu reflektieren, habe ich neben den bereits oben aufgeführten Anregungen in diesem Zusammenhang die folgenden Fragen zusammengestellt…

Fragen, die sich insbesondere Geschäftsführer:innen stellen sollten:

  • Was wäre dein Unternehmen ohne dich? Was würde ggf. sogar besser laufen? Was hindert dich, dies zu ändern?
  • Was muss getan werden, damit dein Unternehmen unabhängig von dir funktioniert? Wo heißt es für dich Verantwortung zu delegieren?
  • Wie kann dein Unternehmen ohne dich neue Aufträge gewinnen und wachsen?

Fragen, die sich insbesondere Führungskräfte des mittleren Managements stellen sollten:

  • Wie viel Verantwortung delegierst du? Was solltest du besser abgeben?
  • Wie viele Entscheidungen können ohne dich getroffen werden? Wo kannst du aufhören, zum Bottleneck zu werden?
  • Wie stark bist nur du der/die einzige Repräsentant:in deiner Abteilung? Wie lässt sich dies ändern?

 

Deine Meinung interessiert mich

Wie sind deine Erfahrungen mit dem Owner’s Business Dilemma? Welche ergänzenden Fragen oder Erfahrungswerte kannst du mit den Leser:innen und mir teilen?

Ich freue mich auf deine Rückmeldung in den Kommentaren…

 

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